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Alt Gestern, 13:16   #1
Taxi5013
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Standard Der erste Morgen...

[B][I][FONT="Century Gothic"][SIZE="4"]Der erste Morgen

Als Clara an jenem Märzmorgen die Fensterläden aufschob, fiel das Licht herein wie eine Entschuldigung. Wochenlang hatte der Himmel Grau getragen, doch heute stieg über den obstlosen Bäumen ein Hauch von Grün — so fein, als müsste man blinzeln, um ihn nicht zu zerreißen.

Sie blieb stehen, die Hände noch auf dem Fensterholz. Unten im Garten bewegte sich ein Krähenpaar zwischen dem feuchten Gras, und über der Wiese stieg Dunst in dünnen Fäden auf. Das Gittertor quietschte, als jemand es öffnete. Der Klang war ihr vertraut; er hatte etwas von vergangenen Jahren.

Jonas hatte gesagt, er würde im Dorf bleiben, bis der Frühling beginne. „Dann“, hatte er gelächelt, „sehen wir, ob die Dinge noch wachsen können.“ Dass er nun wirklich kam, barhäuptig, mit einem Zweig in der Hand, hätte sie fast erschrecken können.

„Noch nichts gepflanzt?“, fragte er, als sie ihm entgegentrat.
„Ich wollte warten.“, antwortete sie.
„Worauf?“
„Auf die Wärme. Auf dich vielleicht.“

Er lächelte nicht, und doch lag in seinem Blick jene milde Unruhe, die nur das Neue kennt. Sie gingen zwischen die Beete, die noch leer lagen, und sahen, wie das Wasser vom Brunnenrand tropfte, jede Sekunde ein Glitzern. Die Erde roch nach Versprechen.



Im Laufe der Tage geschah alles auf leise Weise. Eine Amsel schlug irgendwo, als wagte sie das erste Lied nur halb. Die Linden zeigten Knospen, kaum sichtbar, und im Haus begann die Luft anders zu schmecken – nach Aufbruch und Staub zugleich.

Clara schrieb Listen: Samen, Farben, Kräuter. Jonas brachte Holz, schärfte die Sense. Sie sprachen wenig, doch in der Stille zogen sich neue Wurzeln.

Wenn er den Mantel ablegte, glitt manchmal eine feine Bewegung in ihr Herz, schwer zu benennen, leicht zu überhören. Und doch fühlte sie, dass etwas sich regte, wie ein Samen unter Frost.



Eines Abends stand sie am Bach. Das Wasser schoss rasch, als eile es, neu zu werden. In der Spiegelung schienen die Wolken grünlich – eine optische Täuschung, wusste sie, und doch dachte sie: Vielleicht beginnt alles mit einem Irrtum des Lichts.

Jonas trat neben sie. Sein Ärmel streifte den ihren, kaum merklich, und plötzlich wusste sie: Es war kein Irrtum.

Der Wind trug Blütengeruch, obwohl noch kaum etwas blühte. Ein kleines Wunder vor der Zeit, wie jedes Erwachen. Sie spürte den Drang, die Hände auszustrecken, vielleicht nach ihm, vielleicht nach dem Horizont.

„Es riecht nach Regen,“ sagte er.
„Nach Anfang,“ erwiderte sie.

Und als der erste Tropfen fiel, warm und schwer, wie aus einem anderen Sommer, drehte sie sich zu ihm. Kein Wort, nur dieses sanfte Einverständnis, dass das Warten vorbei war.

Über ihnen rauschte der Regen, der nach Erde roch, nach Grün, nach allem, was kommen wollte. Und für einen Atemzug lang war die Welt nichts als Bewegung – eine einzige, ungeübte Melodie.

Epilog – Später Frühling

Die Tage wurden langsamer. Das Licht blieb nun länger zwischen den Stämmen hängen, und selbst die Schatten schienen sich zu dehnen, als wollten sie noch ein wenig verweilen, bevor der Sommer sie aufsog.

Clara hatte den Garten fast vollendet. Überall wuchs es in kleinen, stillen Wundern: Dill, der den Wind wie ein Lachen ausschüttelte, Mohn mit scharlachnen Lippen, die niemand küssen durfte, und dazwischen das zarte Blau der Vergissmeinnicht, wie zufällig hingestreut.

Jonas mähte im Abend die Ränder des Wegs, und der trockene Duft des Grasstaubs vermischte sich mit dem süßen Atem der Blüten. Wenn er die Sense über die Halme zog, klang es, als schnitte er durch Zeit.

Sie beobachtete ihn von der Veranda aus, ein Buch auf den Knien, das sie nicht las. Die vertraute Bewegung — aufrichten, ausholen, senken — war ihr inzwischen so nah, dass sie sie wie ein eigenes Atmen fühlte. Irgendwann drehte er sich zu ihr um, hob kurz den Zweig, den er als Rechen benutzte, und sie wusste es: Es war kein Zufall, dass sie geblieben war.
Am Abend saßen sie im Garten, wo die Glühwürmchen begannen, ihr leises, flirrendes Alphabet zu schreiben.

„Bald ist der Sommer da,“ sagte er.
„Schon? Ich glaube, er ist’s längst“, entgegnete sie. Der Wein in ihrem Glas fing das letzte Licht und funkelte wie eine Erinnerung, die weder weh tat noch verblasste.

Zwischen ihnen war kein Bedürfnis mehr nach Worten. Alles, was sie nicht sagten, hing warm in der Luft — wie Pollenkörner, schwer und leicht zugleich.

Er griff nach ihrer Hand. Nicht zögerlich, nicht kühn — nur so, als hielte jemand etwas, das längst auf ihn wartete.

Über den Feldern stieg eine Lerche. Das Gras raschelte, die Erde atmete tief.

Und Clara dachte, dass der Frühling, wenn er sich verwandelt, niemandem wirklich entgleitet. Er bleibt — nicht im Kalender, sondern im Speichern des Herzens, das einmal im Licht gegangen ist und es wiedererkennt, selbst im Abendrot.


(Ein stilles Nachleuchten. Ein Rausch, der Ruhe gefunden hat.)
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