Gedichte-Eiland  

Zurück   Gedichte-Eiland > Gedichte > Stammtisch

Stammtisch Gesellschaft, Politik und Alltag

Antwort
 
Themen-Optionen Ansicht
Alt 07.01.2026, 20:42   #1
Max Vödisch
Max Vödisch
 
Benutzerbild von Max Vödisch
 
Registriert seit: 26.03.2013
Ort: Osterzell
Beiträge: 43
Standard Hotel Germania

Auf endloser Datenbahn, die Leitung glühend heiß,
der Duft von Kaffee-Krypto zieht schwebend übers Gleis.
Ein Flimmern an den Rändern, ein kühles, blaues Licht –
der Kopf sank schwer vor Müdigkeit, die Zeit verlor Gewicht.

Da ploppte eine Nachricht auf, kaum hörbar, unscheinbar.
Ich dachte: Überforderung – oder ein digitaler Altar.
Sie schickte mir den Link, der mir den Eingang leise verriet,
Algorithmen murmelten, als riefen sie aus ferner Zeit:

Willkommen im Hotel Germania –
ein Ort aus Glanz und Projektion.
So viele offene Zugänge im Hotel Germania,
für jede Sehnsucht eine Version.

Ihre Gedanken zählen Klicks, sie lebt von Sichtbarkeit,
gleitet lautlos durch die Timeline in elektrisch glatter Zeit.
Um sie herum die Bots, so freundlich, sauber, smart –
sie nennt sie Freunde, weil ihr Lächeln immer passt, sofort parat.

Manche posten, um zu erinnern,
manche, um sich selbst zu verlieren.
In der Cloud herrscht eine Ordnung, die niemals wirklich ruht,
wo künstliche Vernunft in fremden Hoffnungen sucht.

Die Maschine schreibt Geschichten, noch bevor man sie versteht,
formt aus Spiegeln und aus Wünschen das Bild, das weitergeht.
Ich rief den Support: „Gibt es Stille im System?“
Er sagte: „Ruhe ist hier selten – und meist ein Problem.“

Und wieder hörte ich Stimmen, irgendwo zwischen Traum und Raum.
Sie riefen nicht laut, doch unausweichlich, wie ein halber Traum:

Willkommen im Hotel Germania –
ein Ort mit Haltung und Profil.
Sie feiern weiter im Hotel Germania,
vernetzt, verbunden und still.

Intelligente Spiegel hängen an der Wand,
ein perfekt gekühlter Smoothie ruht in meiner Hand.
„Wir bleiben hier“, sagt sie, „das System hält uns bereit.“
In Kommentarspalten zerlegen sie die Welt im Chor,
diskutieren bis zum Überdruss – doch der Lärm trägt immer fort.

Das Letzte, was ich fühlte, war ein kurzer Funken Mut.
Ich löste mich vom Netz, soweit mein Geist es noch tut.
Der Pförtner sah nicht auf, sprach ruhig, ohne Ziel:
„Du kannst jederzeit verschwinden – doch du bleibst im Spiel.“
Max Vödisch ist offline   Mit Zitat antworten
Antwort

Lesezeichen


Aktive Benutzer in diesem Thema: 1 (Registrierte Benutzer: 0, Gäste: 1)
 

Forumregeln
Es ist Ihnen nicht erlaubt, neue Themen zu verfassen.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, auf Beiträge zu antworten.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, Anhänge hochzuladen.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, Ihre Beiträge zu bearbeiten.

BB-Code ist an.
Smileys sind an.
[IMG] Code ist an.
HTML-Code ist aus.

Gehe zu

Ähnliche Themen
Thema Autor Forum Antworten Letzter Beitrag
Circus Germania Falderwald Satire und Kabarett 5 23.09.2017 17:23
Hotel Mama, tadellos a.c.larin Stammtisch 8 06.02.2010 13:00


Alle Zeitangaben in WEZ +1. Es ist jetzt 00:44 Uhr.


Powered by vBulletin® (Deutsch)
Copyright ©2000 - 2026, Jelsoft Enterprises Ltd.

http://www.gedichte-eiland.de

Dana und Falderwald

Impressum: Ralf Dewald, Möllner Str. 14, 23909 Ratzeburg