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Alt Gestern, 18:34   #1
Floris
Eiland-Dichter
 
Registriert seit: 14.08.2026
Ort: Heppenheim Bergstraße
Beiträge: 87
Standard Kritik

Kritik


Kritik ist eine hohe hehre Kunst
wer immer sie auch übt muss stets beachten
dass sie sehr wohl verletzen kann und wird
wenn man statt Ahnung nur die Meinung pflegt


Der eigene Geschmack ist immer nur
ein subjektiver Eindruck des Moments
sehr flüchtig niemals wirklich objektiv
und wird sich immer durch Erfahrung ändern


Drum Vorsicht bei dem ausgestreckten Finger
du weisst es doch der Boomerang kann drehen
und schlägt dem Werfer seine schlechte Laune
um seine rot und heiß erglühten Ohren


Ein nettes Wort, ein Ansporn oder Lob
bewirkt oft mehr versuch es einfach mal!
Floris ist offline   Mit Zitat antworten
Alt Gestern, 20:35   #2
thommi
Erfahrener Eiland-Dichter
 
Registriert seit: 28.12.2013
Beiträge: 108
Standard

Hallo Floris,

bevor ich auf deinen inhaltlichen Boomerang eingehe, muss ich tief den Hut vor deiner Form ziehen. Du schenkst uns hier eine extrem faszinierende, ungereimte Variation des klassischen Shakespeare-Sonetts! Exakt 14 Zeilen, im Blankvers durchgehalten und strukturell exakt in drei Quartette und dieses zweizeilige Schluss-Epigramm aufgeteilt. Diese strenge, architektonische Struktur der Weltliteratur ganz ohne Reime zu nutzen, um mir die Leviten zu lesen – das zeigt genau die literarische Ahnung und das handwerkliche Können, vor dem ich mich gerne verneige. Du predigst die Kunst der Kritik nicht nur, du demonstrierst sie in Perfektion. Genau deshalb hat dein ausgestreckter Finger bei mir auch so eine verdammt durchschlagende Wirkung.

Dein Boomerang hat mich nämlich exakt dort getroffen, wo es wehtut: bei meiner eigenen Unnachgiebigkeit. Ich gestehe unumwunden ein, dass mir beim Anblick von eklatanten handwerklichen oder logischen Offenbarungseiden schlicht das Temperament durchgeht. Es ist wohl das Erbe von Geistern wie Kurt Tucholsky oder Marcel Reich-Ranicki, das mich dann antreibt – die tiefe Überzeugung, dass ein Text eben nicht nur reiner, unantastbarer Geschmack ist, sondern dass man Pfusch auch beim Namen nennen darf. Aber du hältst mir völlig zu Recht den Spiegel vor: Wenn die Kritik nur noch verletzt, anstatt den Geist wachzurütteln, verfehlt sie ihr Ziel.

Doch lass mich dir zum Schluss eine ganz charmante, philosophische Frage mit auf den Weg geben: Wäre das legendäre Literarische Quartett jemals diese Institution geworden, wenn Reich-Ranicki im Namen der reinen Menschlichkeit jede handwerkliche Katastrophe mit einem sanften Lob weichgespült hätte?

Muss Kritik nicht manchmal unbarmherzig fliegen, um den Geist wachzurütteln, anstatt behutsam zu kriechen?

Du hast mich jedenfalls zum Nachdenken gebracht, Floris. Ich werde versuchen, die Klinge demnächst etwas öfter im Schrank zu lassen und dem herbstlichen Naturidyll mit mehr Gelassenheit zu begegnen. Deine Oase der Menschlichkeit soll wegen mir keine Risse bekommen.

Herzliche Grüße
thommi

thommi ist offline   Mit Zitat antworten
Alt Gestern, 21:09   #3
Floris
Eiland-Dichter
 
Registriert seit: 14.08.2026
Ort: Heppenheim Bergstraße
Beiträge: 87
Standard

Lieber thommy,

danke für deine wirklich liebe Antwort! ich habe mich sehr gefreut, dass du meine Kritik an deiner Kritik in den richtigen Hals bekommen hast. Das ist menschlich und auch sachlich immer schwierig und nicht unbedingt selbstverständlich. Es ist sehr beruhigend, dass man hier reden und dichten kann, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Genau dafür würde ich sehr gerne stehen. Zu meinen "Dichtkünsten" ist zu sagen, dass ich erst hier mit dem Virus der Sonette infiziert wurde und seither mich fröhlich ausprobiere. Es fasziniert mich, dass ich das irgendwie schaffe und es motiviert mich, neue Formen zu versuchen. Aber ich weiß auch, dass mir das nicht unbedingt in die Wiege gelegt wurde und ich mich am Anfang des Schreibens erst einmal weder im Reim noch in der Form ausgekannt habe. Das ist ein Beleg, dass man auch im fortgeschrittenen Alter noch was lernen kann, wenn man denn auf Menschen trifft, die einem Mut machen.

Zu deiner wirklich charmanten These, dass Reich-Ranicki auch seinem "Affen Zucker gegeben hat" muss ich sagen, dass ich das Literarische Quartett immer sehr, sehr gerne gesehen habe. Wenn ich auch mehrfach der Meinung war, dass Reich-Ranicki in einigen Punkten, vielleicht auch durch seine der eigenen Biografie geschuldeten Meinung, vollkommen übertrieben hat. Das hatte komische und auch teilweise für mich fremdpeinliche Züge. Allerdings verzeihe ich sehr gerne, wenn mir die Lebensleistung über die momentane Meinung geht.
Und das war auch in dem Fall meiner "Kritik" eine meiner vielleicht nicht ganz deutlichen Forderungen. Lass uns den Menschen sehen zusammen mit dem Werk. Lass uns über Dinge, die wir vielleicht falsch interpretieren erst einmal, bis wir sie verstehen, schweigen. Du magst das für schwach halten. Für uninspiriert. Für rosa- Brille denken. Ich allerdings denke dass ich gut damit fahre ( auch erst seit einigen Jahren, also hast du bestimmt noch sehr viel Zeit ) dass wenn ich nichts nettes, nichts wahres oder nichts neues zu etwas zu sagen habe, ich den Mund oder den Stift oder die Tastatur halte
Abschließend noch einmal ein großes Danke! Du hast mir wirklich eine besondere Freude gemacht, indem du mich ernst nimmst! Auf weiteres schönes Streiten!
Liebe Grüße
Floris
Floris ist offline   Mit Zitat antworten
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