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Erfahrener Eiland-Dichter
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Die Weisheit der Eule
Es war eine jener Nächte, in denen der Wald zu schweigen schien. Kein Wind bewegte die Blätter, kein Zweig knackte unter den Pfoten eines Tieres. Nur der Mond stand groß und silbern über den Baumwipfeln und tauchte den alten Wald in ein fahles Licht. Hoch oben, auf dem Ast einer knorrigen Eiche, saß eine Eule. Sie hieß Aurelia und war, wie die Tiere des Waldes behaupteten, die älteste und weiseste Eule weit und breit. Die anderen Tiere kamen oft zu ihr, wenn sie keinen Rat mehr wussten. Der Fuchs fragte sie, wie man an die Hühner des Bauernhofes herankäme, ohne vom Hund erwischt zu werden. Der Hase wollte wissen, ob es wirklich stimmte, dass der Winter besonders kalt werde. Und sogar der Wolf war einmal gekommen und hatte gefragt: „Aurelia, warum fürchten sich alle vor mir?“ Die Eule hatte ihn lange angesehen und schließlich gesagt: „Weil du selbst vor vielem Angst hast.“ Der Wolf hatte darüber nachgedacht. Und war gegangen. Seitdem war er ein wenig weniger Wolf und ein wenig mehr vernünftig. Eines Herbstabends aber kam ein junger Mann in den Wald. Er hieß Jakob und trug einen alten Rucksack über der Schulter. Seit Tagen war er unterwegs. Er hatte sein Zuhause verlassen, weil er glaubte, sein Leben sei völlig aus den Fugen geraten. Er hatte Arbeit verloren, Freunde enttäuscht und eine Frau verloren, die er geliebt hatte. „Ich habe alles falsch gemacht“, murmelte er, als er unter der alten Eiche stehen blieb. Da hörte er ein leises: „Huhuu.“ Jakob blickte nach oben. Zwei große Augen sahen ihn an. „Bist du die weise Eule?“, fragte er. „Das behaupten jedenfalls die anderen.“ „Dann sag mir, was ich tun soll.“ Aurelia blinzelte. „Warum?“ Jakob war überrascht. „Warum? Weil ich nicht mehr weiterweiß.“ „Das ist keine Antwort.“ „Was soll ich denn sonst sagen?“ Die Eule breitete langsam ihre Flügel aus, blieb aber sitzen. „Du willst wissen, welchen Weg du nehmen sollst. Aber du hast mir noch nicht gesagt, wohin du willst.“ Jakob schwieg. Zum ersten Mal seit langer Zeit dachte er nicht darüber nach, was er verloren hatte. Sondern darüber, was er eigentlich noch wollte. Nach einer Weile sagte er: „Ich möchte wieder glücklich sein.“ Die Eule nickte. „Dann hör auf, ständig zurückzuschauen.“ „Aber meine Vergangenheit verfolgt mich.“ „Nein“, sagte Aurelia ruhig. „Du trägst sie nur mit dir herum.“ Jakob setzte sich unter den Baum. „Und wie werde ich sie los?“ Die Eule sah hinauf zum Mond. „Gar nicht.“ Jakob sah sie verwundert an. „Du kannst deine Vergangenheit nicht wegwerfen. Aber du kannst entscheiden, ob du sie als Stein im Rucksack trägst oder als Lehrmeister neben dir gehen lässt.“ Jakob dachte lange darüber nach. Dann nahm er seinen Rucksack ab. Er öffnete ihn und holte einen alten Brief heraus. Der Brief war von der Frau, die ihn verlassen hatte. Er hatte ihn seit Monaten bei sich. Er las ihn noch einmal. Dann faltete er ihn sorgfältig zusammen. Aber er zerriss ihn nicht. Er steckte ihn zurück. „Warum verbrennst du ihn nicht?“, fragte die Eule. Jakob lächelte zum ersten Mal. „Weil ich mich nicht mehr für das schäme, was einmal war.“ Aurelia nickte zufrieden. „Jetzt hast du etwas verstanden.“ „Was?“ Die Eule sah ihn mit ihren großen Augen an. „Weisheit bedeutet nicht, auf alles eine Antwort zu haben.“ „Sondern?“ „Zu wissen, welche Fragen man sich selbst stellen muss.“ In diesem Augenblick kam Wind auf. Die Blätter raschelten. Irgendwo in der Ferne rief ein Fuchs. Jakob stand auf. „Wohin soll ich jetzt gehen?“ Aurelia drehte langsam den Kopf. „Das weißt du bereits.“ „Woher?“ „Weil du seit einer Stunde nicht mehr gefragt hast, wohin du fliehen kannst.“ Jakob sah die Eule an. „Sondern?“ „Wohin du zurückkehren willst.“ Jakob blickte durch die Bäume. Am Horizont begann bereits ein ganz schwacher heller Streifen zu erscheinen. Die Nacht ging zu Ende. Und plötzlich wusste Jakob, wohin er gehen würde. Nach Hause. Nicht zurück in sein altes Leben. Sondern zurück zu sich selbst. Als er sich umdrehte, um der Eule noch einmal zu danken, war der Ast leer. Nur eine einzelne graue Feder lag dort, wo Aurelia gesessen hatte. Jakob hob sie auf. Und seit diesem Tag trug er sie bei sich. Nicht als Glücksbringer. Sondern als Erinnerung an einen Satz, den er niemals wieder vergessen wollte: „Die Weisheit des Lebens besteht nicht darin, den richtigen Weg zu kennen – sondern den Mut zu haben, ihn auch zu Gehen. Geändert von Taxi5013 (Gestern um 12:41 Uhr) |
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