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Erfahrener Eiland-Dichter
Registriert seit: 17.01.2017
Beiträge: 345
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Eine afrikanische Geschichte von Gier, Angst und tödlicher Vergeltung,
Eine Geschichte voller Geheimnisse Die Sonne versank blutrot hinter den Schilfwäldern des Okavango. Ihre letzten Strahlen legten sich wie flüssiges Kupfer über das Wasser, während aus der Ferne das Trompeten der Elefanten herüber drang. Millionen Mücken tanzten über den Tümpeln, Frösche stimmten ihr nächtliches Konzert an, und irgendwo im hohen Gras schrie ein Tier, das den Tod bereits gerochen hatte. Am Ufer stand eine kleine Jagdhütte aus verwittertem Holz. Ihr Dach war mit trockenem Gras gedeckt, die Fensterläden hingen schief in den Angeln. Vor der Hütte glomm ein Lagerfeuer. Daniel Mercer, ein ehemaliger Soldat aus Südafrika, saß auf einem umgedrehten Benzinkanister und reinigte sein Gewehr. Er war ein großer, schweigsamer Mann mit einem Gesicht, das von Sonne, Staub und vergangenen Kämpfen gezeichnet war. Über seiner linken Augenbraue verlief eine tiefe Narbe. Ihm gegenüber saß Peter Caldwell, ein britischer Geschäftsmann, dessen weißes Leinenhemd selbst in der Wildnis noch tadellos gebügelt wirkte. Caldwell war wegen des Elfenbeins gekommen. Nicht wegen der Landschaft. Nicht wegen der Tiere. Und ganz gewiss nicht wegen der Menschen, die seit Generationen an diesem Fluss lebten. Er wollte reich werden. Morgen früh sagte Caldwell und goss sich Whisky in einen Metallbecher, überqueren wir den Fluss. Mein Kontaktmann wartet auf der anderen Seite. Danach sind wir verschwunden. Daniel hob den Kopf. Und die Männer, die Sie im Dorf zurückgelassen haben? Die wissen zu viel. Das Feuer knackte. Daniel legte den Putzlappen beiseite. Sie haben mir gesagt, es gehe um einen Handel. Es geht um einen Handel, Mercer. Allerdings um einen, bei dem nicht jeder Beteiligte alt wird. Caldwell lächelte, als hätte er einen besonders gelungenen Witz gemacht. Daniel sah ihn lange an. Dann stand er auf und ging zum Fluss. Im dunkler werdenden Wasser glitten die Schatten der Seerosen auseinander. Ein Krokodil lag kaum sichtbar zwischen den Pflanzen. Nur seine Augen ragten über die Oberfläche. Daniel hatte in seinem Leben viele Männer sterben sehen. In Wüsten, in Städten, in den Bergen. Doch Afrika hatte ihm etwas gelehrt, das er niemals vergessen hatte: Die Wildnis kann grausam sein. Aber sie lügt nicht. Der Mensch dagegen schon. Kurz nach Mitternacht erwachte Daniel. Ein Geräusch hatte ihn aus dem Schlaf gerissen. Kein Tierlaut. Kein Rascheln im Schilf. Es waren Schritte gewesen. Langsam öffnete er die Augen. Durch einen Spalt im Fensterladen fiel das fahle Licht des Mondes. Das Lagerfeuer war fast erloschen. Dann hörte er eine Stimme. Wo ist der Schlüssel? Es war Caldwell. Eine zweite Stimme antwortete. Sie gehörte Joseph, einem einheimischen Fährmann, der sie seit drei Tagen begleitete. Ich habe Ihnen gesagt, dass ich ihn nicht habe. Ein dumpfer Schlag. Joseph stöhnte. Daniel griff nach seiner Pistole und schob sich lautlos zur Tür. Draußen stand Caldwell mit einer Laterne in der Hand. Joseph kniete vor ihm im Sand. Blut lief ihm aus einer Platzwunde an der Stirn. Der Schlüssel öffnet die Kiste, zischte Caldwell. Und in dieser Kiste liegt mein Vermögen. Es ist nicht Ihr Vermögen, flüsterte Joseph. Es gehört den Männern, die Sie ermordet haben. Caldwell hob die Pistole. Dann hättest du besser geschwiegen. Der Schuss zerriss die Nacht. Joseph fiel zur Seite. Für einen Augenblick verstummte selbst das Zirpen der Insekten. Daniel stand reglos im Türrahmen. Seine Pistole lag schwer in seiner Hand. Caldwell drehte sich um. Ah, Mercer. Sie sind wach. Sie haben ihn erschossen. Er wollte mich bestehlen. Daniel blickte auf den Toten. Er hatte nicht einmal eine Waffe. Caldwell hob die Schultern. Dann war es ein ungleicher Kampf. Daniel trat einen Schritt näher. Sie haben mir verschwiegen, dass Sie Menschen ermorden. Ich habe Ihnen verschwiegen, was Sie nicht wissen mussten. Und jetzt? Caldwell richtete seine Pistole auf ihn. Jetzt werden Sie mir helfen, die Kiste zu finden. Danach bekommen Sie Ihren Anteil. Oder Sie bleiben hier liegen, neben Ihrem Freund. Daniel betrachtete den Mann, der ihm gegenüberstand. In diesem Moment wusste er, dass es für sie beide keinen Weg zurück mehr gab. Sie machen einen Fehler, Caldwell. Welchen? Daniel senkte langsam seine Waffe. Sie glauben, Sie seien hier der gefährlichste Mann. Dann erlosch die Laterne. Ein Schuss krachte. Und die Nacht verschluckte alles. Als der Morgen graute, war die Hütte verlassen. Vor der Tür lagen umgestürzte Stühle, zerbrochenes Glas und eine dunkle Blutspur, die sich bis zum Wasser zog. Von Daniel Mercer fehlte jede Spur. Caldwell aber lebte. Er saß im Heck eines kleinen Motorbootes, das sich durch die engen Wasserwege des Deltas arbeitete. Neben ihm lag eine eiserne Kiste. Auf ihrem Deckel klebte getrockneter Schlamm. Der Geschäftsmann hatte eine Wunde an der Schulter. Jeder Stoß des Bootes ließ ihn zusammenzucken. Am Steuer stand ein junger Mann namens Kito, der schweigsame Sohn eines Fischers. Wie weit noch? fragte Caldwell. Bis zur Anlegestelle zwei Stunden. Dann fahren Sie schneller. Kito sagte nichts. Das Boot glitt zwischen Schilfinseln hindurch. Über ihnen kreisten Geier. Am Ufer stand eine Herde Impalas, die mit aufgestellten Ohren in die Richtung des Bootes blickte. Plötzlich stellte Kito den Motor ab. Was soll das? brüllte Caldwell. Der Junge deutete auf das Wasser. Vor ihnen trieb ein Körper. Ein Mann, das Gesicht nach unten, die Arme weit ausgebreitet. Das Hemd war zerrissen, eine Hand fehlte. Caldwell wich zurück. Weiterfahren! Kito starrte auf den Toten. Das ist Joseph. Ich habe gesagt, weiterfahren! Der Junge startete den Motor. Doch das Boot bewegte sich nicht. Etwas hatte sich im Schilf verfangen. Kito beugte sich über die Bordwand. In diesem Augenblick schoss ein gewaltiger Schatten aus dem Wasser. Das Boot kippte zur Seite, Caldwell schrie, und die eiserne Kiste rutschte über die Planken. Mit einem dumpfen Schlag fiel sie ins Wasser. Caldwell sprang hinterher. Er tauchte auf, ruderte wild mit den Armen und schrie nach Hilfe. Kito streckte ihm einen Paddelstiel entgegen. Für einen Augenblick bekam Caldwell ihn zu fassen. Dann sah er unter sich die Augen. Zwei gelbliche, reglose Augen, die knapp über der Wasseroberfläche schwebten. Das Krokodil packte zu. Caldwell verschwand unter Wasser. Es gab keinen zweiten Schrei. Kito blieb wie erstarrt im Boot sitzen. Erst als sich das Wasser wieder glättete, wagte er zu atmen. Dann hörte er hinter sich eine Stimme. Sie sollten verschwinden, Junge. Kito fuhr herum. Am Ufer stand Daniel Mercer. Sein Hemd war blutverschmiert. Ein Arm hing bewegungslos an seiner Seite. In der anderen Hand hielt er eine Pistole. Sie leben!, rief Kito. Daniel blickte auf die Stelle, an der Caldwell verschwunden war. Das ist nicht immer ein Segen. Drei Tage später erreichte Daniel das kleine Dorf am Rand des Deltas. Die Menschen kamen aus ihren Hütten, als sie ihn sahen. Einige weinten. Andere schwiegen. Josephs Schwester trat vor ihn. Sie war eine hagere Frau mit ernsten Augen. Ist er tot? fragte sie. Daniel nickte. Ja. Und der Mann, der ihn getötet hat? Daniel sah hinaus zum Fluss. Der Fluss hat ihn genommen. Die Frau schloss die Augen. Dann wird der Fluss entscheiden, was mit seinem Namen geschieht. Daniel verstand die Worte nicht ganz. Aber er widersprach nicht. Am Abend saß er allein unter einem mächtigen Baobab. Seine Schulter war verbunden, sein Gesicht eingefallen. Neben ihm lag die eiserne Kiste. Kito hatte sie aus dem seichten Wasser geborgen, nachdem der Sturm sie ans Ufer gespült hatte. Daniel brach das Schloss auf. Im Inneren lagen Bündel mit Geld, alte Karten, Fotografien und ein schmales, in Leder gebundenes Buch. Er blätterte darin. Auf den ersten Seiten standen Namen. Dutzende Namen. Männer, die verschwunden waren. Männer, die angeblich auf Jagd gegangen waren. Männer, deren Familien niemals erfahren hatten, was mit ihnen geschehen war. Neben jedem Namen standen Zahlen. Geldbeträge. Und neben einigen Namen ein einziges Wort: Beseitigt. Daniel schloss das Buch. Jetzt verstand er, warum Caldwell Joseph hatte töten müssen. Nicht wegen einer Kiste. Nicht wegen Geld. Wegen der Wahrheit. Am nächsten Morgen würde Daniel nach Maun aufbrechen und das Buch den Behörden übergeben. Doch zunächst wollte er Josephs Familie das Geld bringen, das ihr zustand. Er stand auf und ging zum Fluss. Die Sonne stieg über dem Delta empor. Das Wasser glänzte, Vögel erhoben sich aus dem Schilf, und in der Ferne trompetete ein Elefant. Für einen kurzen Moment schien es, als hätte die Welt nichts von der vergangenen Nacht gewusst. Doch Daniel wusste es besser. Der Tod hinterlässt keine Spuren, die für immer verschwinden. Manchmal wartet er nur darauf, dass jemand den Mut findet, sie zu lesen. In jener Nacht schlief Daniel zum ersten Mal seit Tagen ruhig. Bis er erwachte. Draußen knackte ein Zweig. Er setzte sich auf. Seine Hand tastete nach der Pistole. Dann hörte er drei leise Schläge gegen die Tür. Daniel stand auf. Wer ist da? Keine Antwort. Er öffnete die Tür einen Spalt. Auf der Schwelle lag ein zusammengerolltes Stück Papier. Daniel hob es auf und entfaltete es im Mondlicht. Darauf standen sieben Worte: DU HAST DAS FALSCHE BUCH MITGENOMMEN. Unter der Nachricht lag eine Fotografie. Sie zeigte Daniel selbst. Aufgenommen vor drei Tagen. Direkt vor seiner Hütte. Auf der Rückseite stand ein Datum: der folgende Morgen. Daniel spürte, wie ihm das Blut in den Adern gefror. Jemand hatte ihn beobachtet. Jemand wusste, dass er das Buch besaß. Und jemand hatte vor, ihn zu töten. Da hörte er wieder ein Geräusch. Diesmal kam es vom Fluss. Ein leises Plätschern. Daniel trat hinaus auf die Veranda. Zwischen den Schilfhalmen glitt ein schmales Boot über das Wasser. Darin saß eine Gestalt, das Gesicht unter einem dunklen Hut verborgen. Als das Boot in den Schatten der Bäume verschwand, hob der Unbekannte kurz den Kopf. Daniel erkannte das Gesicht. Joseph. Der Mann, den Caldwell erschossen hatte. Der Mann, dessen Leiche im Fluss getrieben war. Daniel wollte schreien, doch kein Laut kam über seine Lippen. Dann fiel sein Blick auf die Stelle, an der das Boot verschwunden war. Dort, im Schlamm am Ufer, lagen frische Fußspuren. Sie führten direkt zu seiner Hütte. Und sie kamen aus dem Wasser. Daniel hob langsam die Pistole. Im Schilf bewegte sich etwas. Ein Schatten löste sich aus der Dunkelheit. Dann fiel der Schuss. Ein einzelner, harter Knall, der über das Delta rollte und die Vögel aus den Bäumen riss. Am Morgen fanden die Dorfbewohner die Hütte leer. Das Buch war verschwunden. Daniel Mercer ebenso. Nur auf der Veranda lag seine Pistole. Und daneben, im Staub, stand mit blutroter Farbe ein letzter Satz: AM OKAVANGO IST NICHT DERJENIGE TOT, DEN DER FLUSS MIT SICH NIMMT. Seit jener Nacht erzählen die Fischer, dass man bei Vollmond manchmal ein schmales Boot zwischen den Schilfinseln treiben sieht. Ohne Motor. Ohne Licht. Und wenn der Wind aus dem Süden kommt, hört man eine Männerstimme über das Wasser flüstern: Wer die Wahrheit sucht, sollte wissen, was sie kostet. Dann verstummt der Fluss. Und die Todesnacht beginnt von Neuem. |
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