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Lyrische Emotion
Registriert seit: 07.02.2009
Ort: Inselstadt Ratzeburg
Beiträge: 10.053
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Die Vermessung der Identität: Ein Spaziergang durch die neue Maskenparade Es ist ein sonderbares Schauspiel unserer Zeit: Kaum schlägt man eine Zeitung auf oder wagt einen Blick ins digitale Getöse, springen einem neue Etiketten entgegen wie frisch geschlüpfte Schmetterlinge, die sich mit großer Wichtigkeit auf die Stirn der Menschheit setzen. „Neurodivergent“, „non binär“ — Worte, die klingen, als hätte ein gelehrter Botaniker sie im Morgengrauen aus einem besonders empfindlichen Treibhaus gezupft. Ich gönne jedem Menschen sein kleines Schildchen. Wer sich lange im Nebel fühlte, darf sich gern an einem Wort festhalten wie an einem warmen Schal im Winter. Doch die große Parade der Identitäten, die nun täglich durch die Medien stolziert, erinnert mich an jene alten Hofbälle, bei denen die Gäste so sehr mit dem Rascheln ihrer Kostüme beschäftigt waren, dass sie darüber vergaßen, einen Gedanken zu fassen. Die Medien lieben dieses Rascheln. Ein stiller Mensch bringt keine Quote, ein vernünftiger Gedanke keinen Klick. Also lädt man die lautesten Trommler ein, die mit großem Getöse verkünden, die Welt sei ein einziges Schlachtfeld der Selbstbeschreibungen. Die Mehrheit, die einfach nur in Frieden ihren Kaffee trinken möchte, bleibt unsichtbar — vermutlich, weil sie nicht laut genug mit den Armen fuchtelt. Doch sobald man das Gerät ausschaltet, das uns diese tägliche Maskenrevue vorspielt, kehrt die Welt zu ihrer natürlichen Ordnung zurück. Im Alltag interessiert es niemanden, ob der Mensch vor einem eine seltene Kombination aus Kategorien trägt. Man fragt nicht nach dem Etikett, sondern nach dem Benehmen. Ein unhöflicher Mensch bleibt unhöflich, selbst wenn er sich mit einer ganzen Bibliothek an Begriffen schmückt. Die Statistik ist dabei ein treuer Verbündeter: Da die Mehrheit der Menschen „gewöhnlich“ ist, begegnet man auch mehr gewöhnlichen Irrtümern. Das ist keine philosophische Offenbarung, sondern eine einfache Rechenaufgabe. Die Persönlichkeit bleibt der einzige Maßstab, der sich nicht durch Modewörter polieren lässt. Der klügste Umgang mit dem identitären Lärm besteht darin, ihn mit einem milden Lächeln zu quittieren. Man liest eine Definition, verbeugt sich höflich und widmet sich wieder dem wirklichen Leben, das sich nicht durch Etiketten beeindrucken lässt. Vielleicht erreichen wir eines Tages jenen Zustand, den die alten Dichter „Gelassenheit“ nannten: eine Gesellschaft, in der Identität so selbstverständlich geworden ist, dass man gar nicht mehr darüber spricht. Denn am Ende möchte jeder Mensch nur eines — als der korrekte Mensch respektiert werden, der er ist, ganz ohne Trommelwirbel und ohne Maskenball.
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#2 |
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Lim-Fee
Registriert seit: 01.05.2014
Beiträge: 176
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Lieber Falderwald,
dein Text hat einen sehr klaren, fast gelassenen Blick auf das ganze Spektakel, das sich da in den Medien abspielt. Ich musste beim Lesen ein wenig schmunzeln, weil mir diese „Maskenparade“ tatsächlich bekannt vorkommt – manchmal hat man ja wirklich das Gefühl, dass die Welt sich in lauter kleine Schubladen auflöst, und jede davon möchte besonders wichtig sein. Die Bilder, die du benutzt, wirken sehr elegant: die Schmetterlinge, die Hofbälle, das Rascheln der Kostüme. Das gibt dem Thema eine leichte, fast spielerische Note, obwohl es eigentlich um etwas ziemlich Ernstes geht. Ich mag solche Texte, die nicht mit dem Holzhammer arbeiten, sondern mit einem ruhigen Lächeln. Besonders schön finde ich die Stelle, in der du beschreibst, wie sich die Welt wieder beruhigt, sobald man das Gerät ausschaltet. Das kenne ich gut – im Alltag interessiert es wirklich niemanden, welche Etiketten gerade im Trend sind. Da zählt eher, ob jemand freundlich ist oder nicht. Manchmal ist das richtige Leben viel einfacher, als die Medien es darstellen. Der Schluss hat etwas sehr Weises, ohne belehrend zu wirken. Diese „Gelassenheit“, von der du sprichst, ist vielleicht wirklich das, was uns allen guttun würde. Ein Zustand, in dem man Menschen einfach nimmt, wie sie sind, ohne Trommelwirbel und ohne Maskenball. Herzliche Grüße von Xenia
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