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Lyrische Emotion
Registriert seit: 07.02.2009
Ort: Inselstadt Ratzeburg
Beiträge: 10.012
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Nacht ohne Zeugen Ich saß wieder in diesem Laden, der schon beim Reingehen nach gescheiterten Existenzen roch. Der Club war ein Loch, ein feuchter Schlund aus billigem Licht und schlechter Musik. Ich war nicht wegen der Leute hier. Ich war nie wegen der Leute irgendwo. Ich brauchte nur einen Platz, an dem mir niemand erklärte, wie die Welt funktioniert. Und dieser Laden war perfekt, weil hier niemand die Welt verstand – nicht mal ansatzweise. Die Typen an der Bar spielten ihre üblichen Rollen, diese selbsternannten Generäle des Alltags, die mit jedem Satz versuchten, die Schwerkraft zu überlisten. Sie redeten laut, damit niemand merkte, wie leer es hinter ihren Stirnen war. Einer von ihnen hatte wieder diesen Blick, als würde er gleich die Welt retten oder wenigstens jemanden zusammenschreien, nur um zu spüren, dass er noch existiert. Der andere, der mit dem schlecht sitzenden Hemd und dem Gesicht, das aussah, als hätte das Leben ihm schon vor Jahren die Kündigung geschickt, tat so, als hätte er Antworten auf Fragen, die niemand gestellt hatte. Er sprach von Macht, als wäre sie ein Haustier, das nur ihm gehorchte. Dabei zitterten seine Hände, wenn er glaubte, niemand sehe hin. Ich sah ihnen zu, ohne hinzusehen. Man lernt das irgendwann: den Blick durch Menschen hindurch zu richten, wie durch schmutzige Fensterscheiben, hinter denen längst niemand mehr wohnt. Sie hielten sich für unantastbar, für Titanen in einem Raum voller Statisten. Dabei waren sie nur Männer, die Angst hatten, dass jemand merkt, wie klein sie wirklich sind. Ich nahm einen Schluck von meinem Glas, das nach Lösungsmittel schmeckte, und wartete darauf, dass die Nacht endlich aufhörte, sich wichtig zu machen. Mir war alles egal. Mir war schon immer alles egal. Manchmal ist Gleichgültigkeit die einzige Art, nicht unterzugehen in einem Raum voller Menschen, die glauben, sie könnten dich ertränken. Auf der kleinen Bühne bewegten sich ein paar Frauen im Takt der Musik, routiniert, gelangweilt, professionell. Sie drehten sich um die Stangen, als wären es nur Requisiten in einem Theaterstück, das sie schon tausendmal gespielt hatten. Die Männer an der Bar taten so, als würde jede Bewegung nur für sie passieren, als wären sie die Sonne, um die alles kreiste. Man sah ihnen an, wie stolz sie darauf waren, dass sie glaubten, jemand würde ihretwegen tanzen. Die Tänzerinnen sahen durch sie hindurch, wie durch Rauchschwaden, die sich nicht verziehen. Sie hatten längst gelernt, dass manche Männer nur dann atmen, wenn sie sich einbilden können, jemand würde ihnen Aufmerksamkeit schulden. Ich nahm noch einen Schluck von meinem Glas, das inzwischen nach nichts mehr schmeckte, und fragte mich, wie viele Nächte man in solchen Räumen verbringen muss, bis man merkt, dass niemand hier irgendjemanden meint. Die Typen an der Bar wurden lauter, je leerer ihre Gläser wurden und je voller ihre Köpfe mit Geschichten, die nie passiert waren. Sie prahlten mit Erfolgen, die man nur im Halbdunkel glauben konnte, und selbst da nur, wenn man dringend etwas glauben wollte. Der eine, der sich für eine Art Chef hielt, schlug ständig mit der flachen Hand auf den Tresen, als müsste er der Welt beweisen, dass er noch Kraft hatte. Sein Lachen war ein bellendes Geräusch, das nach kaltem Schweiß roch. Er sprach von Respekt, als wäre es etwas, das man sich mit Lautstärke erkämpft. Der andere nickte zu allem, was der Große sagte, wie ein Hund, der gelernt hat, dass Zustimmung die einzige Währung ist, mit der er durch den Tag kommt. Er grinste breit, doch seine Augen verrieten, dass er sich selbst nicht glaubte. Ich sah ihnen zu, wie man einem alten Film zusieht, den man schon kennt und der nie besser wird, egal wie oft man ihn laufen lässt. Ihre Stimmen prallten an mir ab wie Regen an einer Fensterscheibe. Ich war da, aber nicht wirklich. Ich war nur ein Schatten, der einen Stuhl warm hielt. Auf der Bühne drehten sich die Frauen weiter, professionell, unbeeindruckt, als hätten sie längst verstanden, dass manche Männer nur existieren, wenn jemand so tut, als würde er sie bemerken. Die Kerle an der Bar hielten sich für Götter, doch die Tänzerinnen sahen sie nicht einmal an. Das war der einzige ehrliche Moment im Raum. Ich leerte mein Glas, stellte es ab und spürte, wie die Nacht an mir vorbeizog, ohne mich mitzunehmen. Vielleicht war das der Trick: nicht Teil des Spiels zu sein, nicht einmal Zuschauer, sondern einfach nur jemand, der im richtigen Moment nicht hinhört. Die Männer redeten weiter, die Musik pumpte, die Lichter flackerten, und irgendwo lachte jemand, ohne Grund. Alles lief weiter, wie es immer weiterläuft, wenn niemand den Mut hat, den Stecker zu ziehen. Ich stand auf, ließ ein paar Münzen auf dem Tisch liegen und ging zur Tür. Hinter mir tobte die Welt, vor mir lag die Stille. Und zum ersten Mal an diesem Abend fühlte ich so etwas wie Frieden. Nicht, weil etwas gut geworden wäre. Sondern weil mir endlich wieder alles egal war. Falderwald . .. .
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Oh, dass ich große Laster säh', Verbrechen, blutig kolossal, nur diese satte Tugend nicht und zahlungsfähige Moral. (Heinrich Heine) Für alle meine Texte gilt: © Falderwald --> --> --> --> --> Wichtig: Tipps zur Software |
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