![]() |
|
|
#1 |
|
Erfahrener Eiland-Dichter
Registriert seit: 05.10.2009
Ort: Bratislava-Wien
Beiträge: 702
|
Nur 10 Minuten
Meine Mutter schwärmte von dieser Stadt: „Du wirst dort glücklich sein, mein Kind, man wird dir zu Füßen liegen.“ So stellen sich große Mütter das vor. Und: Mutter war groß – in jeder Bedeutung des Wortes. Also schenkte ich ihren Worten Glauben. Was für ein Geschenk! Wenn ich nur daran denke, wie ich in eine dämliche Affäre nach der anderen hineinplanschte. Wie eine ahnungslose Gans. Ein kostspieliger Unsinn nach dem anderen. Man konnte es sich eben leisten. Aber dann in diese schale Portierwohnung übersiedeln zu müssen, war für mich das Letzte. Vor allem wenn ich daran dachte von „woher“ ich kam. Anfangs eine schier unerträgliche Veränderung. Ein derart großer „Taumler“ nach unten ist wirklich ein Hammer. Aber was blieb mir nach dem überraschenden Tod meines Mannes übrig? Aber, der Mensch gewöhnt sich an alles. Nach einiger Zeit taumelt man nicht mehr: man balanciert. Ja, es war tatsächlich ein Balancieren. Und immer darauf achten – auf der Hut sein, was man zu wem sagt. Die Wände könnten Ohren haben. Wenn ich nur an die Gerichtsverhandlung denke. Es war Oktober 93. Drei oder vier Nächte davor hatte ich vor lauter Aufregung kein Auge mehr zugetan. Ein lächerlicher Prozess; eine Farce und ein wahres Marathon-Verfahren: 15 Stunden mit nur zwei Unterbrechungen. Meine Anwälte schauten anfangs irgendwie hilflos und im Verlauf der Verhandlung mehr und mehr blöd drein. Und taten nichts – nichts Sinnvolles zumindest. Zwei hirngelähmte Idioten. Ihr werdet euch noch wundern wenn es um euer Honorar geht - dachte ich an diesem Tag. Man schob mir natürlich alles Mögliche und Unmögliche in die „Halbschuhe“. Ganz einfach nur, um mich dem im Gerichtssaal anwesenden Publikum im schlechtesten Licht zu präsentieren. Ich war damals populär und sehr beliebt, das konnten manche eben nur schwer ertragen. Leute die ich überhaupt nicht - oder nur flüchtig kannte – wurden als Zeugen aufgerufen und machten die „denkbarst“ falschen Aussagen. Gott, hatten manche Kreaturen kranke Phantasien. (…ich und mit meinem Sohn, meinem eigenen Kind - diese Arschlöcher) Die Frauen im Saal waren wie es schien (Gott sei Dank) auf meiner Seite. Trotzdem fühlte ich mich umzingelt, umlogen, mein Ruf wurde zwar gründlich ramponiert – aber wie ich glaubte - nicht ganz vernichtet. Nachdem ich meinen Anwälten nach dem Prozess noch deutlich meine Meinung in die hohlen Köpfe drückte, war ich um Mitternacht endlich im Bett. Von Schlafen keine Rede. Unzählige Gedanken bissen mich wie rote Ameisen in meine weichen grauen Zellen. Außerdem war es in diesem Gerichtssaal derart kalt gewesen, dass ich völlig unterkühlt war und mich auch im Bett kaum erwärmen konnte. Am Morgen hatte ich dann furchtbares Halskratzen. Mein Hals: mein schwacher Punkt. Es waren sicher wieder die Mandeln. An so einem wichtigen Tag musste ich womöglich noch Halsweh bekommen! Meine Stimme? Nur mehr ein heiseres Schürfen nach Worten. Ich konnte kaum Schlucken. Verfluchter Hals – wer braucht einen Hals? An so einem Tag. Ja – dieses „Heute“ war mein großer Tag. Alles würde von nun an anders sein. Völlig anders. Was heißt völlig“? Wenn es für das Wort eine Steigerung gäbe, würde sie passen: „Völligst“. Was war ich nur für eine lächerliche Gans? In diesem Moment mit Worten zu spielen. Ich fühlte mich elend. Mein Hals brannte mehr und mehr - wie Feuer. Ich hatte nicht einmal mehr Zeit gehabt, eine Tasse Tee zu trinken. Manche Leute haben eine Terminplanung – ein „Grauen“ und das noch dazu im Morgengrauen! Es war einfach gegen jede Menschenwürde. Ich machte mich so schnell wie nur möglich fertig und war „fertig“. Mein Make-up war ein Ruck-Zuck-Desaster. Ich war das eben nicht gewöhnt. Früher hatte ich stundenlang Zeit für meine Morgentoilette. Im Moment besser nicht daran denken, was einmal war. Ich muss gut drauf sein. Es geht um zuviel. Der Wagen wartete schon vor der Tür. Es nieselte leicht. Und ein kalter Wind pustete mir prickelnde Tropfen ins Gesicht. Typisches Oktober-Wetter. Wegen dieser blöden Hetzerei hatte ich noch meinen Schal vergessen - perfekt. Jetzt beginnt auch noch meine Nase zu rinnen. Das wird eine Mordsverkühlung. Unterwegs nehmen wir noch vier Personen in den Wagen. Car-Pool - was war das nur für eine Erfindung? Ich hatte jahrelang meinen eigenen Chauffeur - was heißt einen? Drei, oder waren es vier? Alles ist plötzlich so verschwommen für mich: innen und außen als wäre ich die Milchglasscheibe. Was ist los mit mir? Die Mitfahrenden starren mich an, als trüge ich in ein Faschings-Kostüm. Alle sind schlecht aufgelegt. Jedenfalls schlechter als ich. Der Mann neben mir ist völlig schweißüberströmt. Die Frau neben ihm – offenbar seine - schluchzt ungebremst in sich hinein. Die hatten bestimmt Streit miteinander. Mein Kreislauf meldet sich mit Kreisen vor meinen Augen. Und auch das noch: es riecht scharf nach Pisse und Scheiße. Gut für meinen leeren Magen. Nur jetzt nicht absacken - insistiere ich zu mir selbst. Es stinkt derart, dass ich durch den Mund atmen muss, um mich nicht augenblicklich zu übergeben. Und das noch dazu mit meinem Hals! Ich muss mich in den Griff kriegen und schließe die Augen - gebe mir ein paar Minuten Dunkelheit. Als ich sie wieder öffne, merke ich, dass wir mitten im morgendlichen Verkehr stecken. Besser noch: in Menschenmassen. Irgendwie fühle ich mich plötzlich von einer vibranten Ungeduld erfasst. Ich will schon dort sein. In Geduld war ich ja nie sonderlich groß gewesen, wollte immer alles sofort haben. Die Fußgänger bewegen sich alle in die Richtung, in die auch wir müssen. Wir rollen - immer wieder stockend - an flüchtigen Blicken vorbei. Mich sehen viele, ich sehe - niemanden mehr. Die Frau neben dem Mann beginnt unvermittelt hysterisch zu kreischen, fuchtelt wild um sich herum. Sie will aus dem Fahrzeug raus. Unerwartet übergibt sie sich und kotzt dabei auch mich an. Car-Pool-Kotztrophobie. Er versucht ziemlich unbeholfen sie zu beruhigen, spricht leise auf sie ein, berührt mit seinen schmutzigen Fingern liebevoll ihren von Kotze triefenden Mund, streichelt ihr Gesicht. So was könnte ich jetzt auch vertragen. Eine gefühlvolle Berührung. Er hätte sie besser zuhause lassen sollen. Wir kommen nur im Unterschritt-Tempo voran. Gott, ist das mühsam. Zu Fuß wären wir ohne Zweifel schneller gewesen. Im nächsten Moment fühle ich mich besser. Mir ist warm. Ich richte mich auf. Wir sind da. Das war letztlich doch schneller, als erwartet. Es gibt Momente wo die Zeit aufhört – wie soll ich sagen? Ja – aufhört, relativ zu sein. Sie rast zu schnell. Der Chauffeur hilft mir als erste aus dem Wagen, übertrieben höflich ist er, lächelt mich schmierig an. Er ist unrasiert. Gott hat der Mann schlechte Zähne. Er riecht – nein stinkt - schon am frühen Morgen nach Fusel. Er führt mich zu einer Treppe. Menschen drängeln sich um uns herum. Die Stimmung ist offensichtlich gut. Natürlich ich bin ja "nicht unbekannt". Ich höre aufmunterte Wortfetzen, von links und rechts: “Kopf hoch“ - „Bravo…“. Ich befreie mich mit einer raschen Bewegung von der Hand des Stinkers. Also bitte, für die paar Schritte brauche ich wirklich keinen der mich stützt. „Viel Glück…Gnädigste“ sabbert er grinsend, hinter mir zurückbleibend. Vom Podium streckt mir jemand eine handvoll Finger entgegen; ich kann sein Gesicht nicht wahrnehmen. Die letzte Stufe ist derart rutschig, jetzt kann ich die Hand wirklich gebrauchen. Nun erst bemerke ich, dass ein eigenartiger betäubender Geruch - für mich nahezu sichtbar – in der Morgenluft liegt. Der Regen hat – bis auf vereinzelte, vom Wind getragene Tröpfchen - aufgehört. Der Mann mit der helfenden Hand sagt etwas zu mir, was aber in all dem Getöse der Stimmen untergeht. „Ich verstehe bei dem Lärm kein Wort, mein Herr!“ sage ich. Herrlich - mein Hals kratzt nicht mehr! Er beugt sich ganz nahe an mein rechtes Ohr, seine Stimme klingt gedämpft durch diese komische schwarze Kapuze, die er über dem Kopf hat: „Sie werden nichts spüren, Bürgerin Capet, nur ein kühles Gefühl im Nacken.“ Mein Arzt hatte mir noch gestern erklärt, dass es „Danach“ noch etwa 10 Minuten dauert. Epilog Marie Antoinette wurde in den Morgenstunden des 15. Oktober 1793, vom Scharfrichter Henri Sanson mit der Guillotine hingerichtet. Bis zum letzten Moment zeigte sie Fassung und majestätische Würde. Zwei Jahre davor - 1791 - hatte der Abgeordnete, Dr. Joseph Ignace Guillotin dem Französischen Parlament einen Gesetzentwurf vorgelegt, dessen Inhalt unter anderem forderte: "Alle Menschen sollen bei einer Hinrichtung gleich behandelt werden. Es sollte nur noch eine Strafe geben: die Enthauptung. Am 3. Mai 1791 wurde dieser Gesetzentwurf offiziell angenommen. Die von dem deutschen Klavierbauer Tobias Schmidt, einem engen Freund von Henri Sanson entwickelte Hinrichtungsmaschine Guillotine wurde erstmalig am 25. April 1792 erfolgreich eingesetzt. Ihr letztes berühmtes Opfer war Maximilien François Robespierre, der am 28. Juli 1794 die Stufen zum Schafott betrat. |
|
|
|
![]() |
| Lesezeichen |
| Aktive Benutzer in diesem Thema: 1 (Registrierte Benutzer: 0, Gäste: 1) | |
|
|
Ähnliche Themen
|
||||
| Thema | Autor | Forum | Antworten | Letzter Beitrag |
| Pädophilien neu ersonnen | ralfchen | Der Tag beginnt mit Spaß | 0 | 14.01.2026 16:29 |
| In nomine patris | ralfchen | Denkerklause | 0 | 26.10.2025 13:47 |
| Maximal Anuschka | ralfchen | Kurzgeschichten von ralfchen | 0 | 28.10.2022 18:55 |
| Château Pavie Macquin 1922 | ralfchen | Kurzgeschichten von ralfchen | 0 | 13.06.2021 13:53 |
| Der liebende Vater (Ein Drabble) | ralfchen | Kurzgeschichten von ralfchen | 0 | 30.05.2021 18:17 |