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Alt 04.09.2021, 21:52   #1
ginTon
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Standard Nightrooms: Weg verschachtelte Prosaminiaturen

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I

Der erste Dezember scheucht Nebel aus dem Ems Kanal. Verschlafen geht Ton die Speicherstraße entlang und findet sein Hafenglück bei einem Hövels gleich um die Ecke. Angesagt scheint hier zurzeit nur die Aussicht zu sein oder die Aussicht auf Nightrooms im neonschillernden Licht. Jetzt aber perlt die Sonne stumpf an seinem Bierglas entlang und er fragt sich, ob er zu Herrn Walter gehen sollte, Schüttgut aus dem Morgenland einer längst vergessenen Industriebrache. Ein Stern zeigt sich am Himmel, beteuert Hr. Walter: das ist die Zukunft.

II

Herr Walter ist ein ruhiger Geselle, der sich auf die Luft versteht beziehungsweise das Dahinter. In sich versunken sammelt er die Sterne und am Tag den Luftsauerstoff. Eingeatmet schmeckt er nach Eisen. Dabei gehört Herr Walter keineswegs zum alten Eisen, wie er immer betont. Zechenbruder wurde er oft genannt, aber hinter seinem kohlrabenschwarzen Antlitz funkeln die Augen voller Wissen. Ein Mehr aus Wissen, welches ihn den Weg weisen wird. Eine Erfüllung in der Nacht, ein Licht, welches aufgeht. Man liest sich so durch den Tag.

III

Unter allen Wegen ist der eigene Weg anscheinend der schwerste. Herrn Walter ergeht es somit wie vielen, welche die Baustellenwüste durchqueren müssen. Kaspar und Schelm wird er hin und wieder genannt, innere Stadt oder Stadtkern, eben das pulsierende Herz des Innenlebens. Auf der Suche nach einem Funken Hoffnung. Die Vergangenheit muss somit immer dem Neuen weichen. Im Kohlenpott zum Kartoffelpott, genau das wäre die richtige Einstellung, bevor man sich auf seinen Wegen verliert. Doch als er sich die Stadtkarten legte, führten alle zu einem Punkt, da ist sich Herr Walter sehr sicher.

IV

Eine Himmelserscheinung, die sucht Maria heute mit Sicherheit nicht, eher ein himmlisches Bett und das leise Flüstern von Chill-Out Musik. Randerscheinungen, die sie mit weichen Bässen konfrontieren. Die letzte Nacht dagegen, dröhnt immer noch in ihren Ohren, welche zweifelsohne eine Stadtgeschichte zu viel lauschten. Zumindest dann, wenn der Wein wie Perlen sich den Weg durch ihren Körper sucht. Dabei träumt sie von einem unsichtbaren Gedanken, ein Gefühl oder einen Traum, der ihr unerwartet begegnet. Ein Anflug von Liebe oder so ähnlich hinter den kalten und langen Tagen des Winters.

V

Ihr Faible für den Zigarettendunst machte Oma Doris grau. Im Schaukelstuhl saß sie und strickte. Kleine grüne Männchen mit kleinen roten Mützen, eine Tolle, die den Sambuca anheizen sollte beziehungsweise konservieren. Faltenentwürfe für ihre Enkel, so nannte sie das. Dabei ging der Eingang über den Blütengarten vom Rotlicht des Maximilians angezogen in eine ganz andere Richtung. Hier wird das Licht in kleinen Rationen verteilt, bis man geblendet wieder hinaus auf die Straße tritt. Der König des Lichts geht frühmorgens somit seine eigenen Wege mit unbekanntem Ziel. Man lässt sich so dahintreiben.

VI

Der Tag ist wie ein Hauch Dezemberregen inmitten des Stadtgartens, zum Todlachen. Am Gauklerbrunnen summt Balthasar, Gott schütze den König. Dabei stammt der gutaussehende junge Mann gar nicht aus Griechenland und grinst verschmitzt wie die Brunnengesichter inmitten der Wasserperlen. Man gönnt sich ja sonst nichts und dabei streicht er einen Rest der gelb funkelnden Sonnenstrahlen von der Krone seiner Bierflasche. Feierabendbier ist ein Geschenk des Himmels, so pflegt er zu sagen und beobachtet die an ihm vorbeirauschende Menschenmenge. Einen göttlichen Genuss verspricht dieses gut gekühlte Kronen.

VII

Die Engel tragen heute Baywatchverschnitt, einen kurzen roten Rock mit passender Sternenverzierung und dazu einen Schmollmund, der sagt, komm trink. Die bunt geschmückte Weihnachtsstadt riecht nach Glühwein, der heiß an der kalten Luft verdampft und mit den anerkennenden Blicken, die es regnet, im Meer der Lichter versinkt. Eine Wolke aus Mandelduft in der man sich verlaufen kann. Myrrhe und Weihrauch, Olibanum. Abseits der Monsunzeit schneit es vielleicht hinter den leuchtenden Polarsternen. Ein Glück für den glücklichen Finder, der die Kutsche hinaus in die Sternennacht führt.

VIII

Wenig Geld und trotzdem Spaß. Die Studenten in Regen teilen sich sogar das Studentenfutter. Angenehm ihnen beim U zu lauschen. U wie Underground oder wie das U-förmige Gebäude in denen sie hausen. Einige spielen sogar Ukulele, exotisch und natürlich zur Jahreszeit passend. Einstimmung auf den Abend oder das nächste Konzert, vielleicht beim BVB, aber da passt eine Trommel weitaus besser zur Klangverstärkung. Man muss eben zaubern können und da ist Rhythmus gefragt. Mehr noch ein Sound wie aus tausenden Mündern, eher zehntausenden. Da klopft das Herz so schön mit im Takt.

IX

Melchior zieht gerne durch die Straßen. Seinen Namen findet er hingegen gewöhnungsbedürftig. Nicht, wenn es um dessen Herkunft geht. König des Lichts oder Licht, wer hört das nicht gerne. Dabei ist Melchior eher lichtscheu und zieht erst mit der Abendstimmung hinaus in die Stadt. Er wäre viel lieber ein Nachtfalter, da er komplett das Sonnenlicht scheut. Nachts stößt er sich dann an den Laternen, die ihm viel zu grell entgegenblinken. Eine Erfindung, die ihm den ganzen Abend verderben kann. Er fühlt sich nur unter dem Sternenzelt wohl.

X

Wie immer geht Melchior seine Lieblingsstraße hinunter - die alte Gartenstraße, immer Richtung Höhepunkt. Das hat etwas von langsamer Gipfelersteigung, den Blick immer auf den Florian-Turm gerichtet. Nicht wegen des schönen Essens, eher wegen der schönen Aussicht. Das Essen kann er sich heute somit wieder sparen, er steht so oder so eher auf Flüssignahrung. Entschlacken nennt er das, wenn er genüsslich mit seinen Riesenteleskop den Nachthimmel abtastet. Sternendeuter, das war gestern. Heute nennt man sich Sternen-Orakel und verdient dabei gar nicht so schlecht. 60 Cent pro Minute Anruf, Melchior grinst.

XI

Die Stadt versinkt in einem Lichtermeer. Nachtdunkel geht Ton einem Rabenmorgen entgegen und freut sich auf den kommenden Tag. Pferde waren schon immer seine Lieblingstiere. Ein Faible sozusagen mit der Kraft und Ausdauer der wilden Herzen. Als Kutschenfahrer liebt er seinen Job und vor allem die Weihnachtszeit. Fröhliche Gesichter beleben bekanntlich das Geschäft und das Geschäft floriert, insbesondere jetzt. Zur weißen Kutsche, weiße Pferde und zur schwarzen Kutsche schwarze, da lässt sich Ton nicht lumpen. Mit der Bimmelfahrt fährt er in der Stadt überall hin, der Kunde ist König, das weiß doch jeder.

XII

Herrn Walter geht es heute nicht so gut. Er quietscht und knarrt, sodass er jeden Knochen in seinem Körper spürt. Er hat es bereits mit ungesättigten Fettsäuren probiert, aber das Alter macht sich nun gänzlich bemerkbar. Als Haudegen vom alten Schlag genießt er dennoch jeden Morgen seinen Café und am Abend einen Schnaps. Den aber nicht mehr so oft. Dafür ist er jetzt komplett auf süffig umgestiegen, mit einem ordentlichen Schuss Gerste und Malz. Winterhopfen nennt er es, ist für ihn immer noch besser als Glühwein. Diese Hitze kann er nicht wirklich vertragen.

XIII

Am Zippen hat Maria, das erste Mal einen Jungen geküsst. Romantisch fand sie das. Jetzt ist sie ungewollt schwanger. Von wem, das weiß sie nicht genau, aber der Heilige Geist erschien ihr, das weiß sie ganz genau. Er war schön und hatte eine wunderbare La… La… mit dem er sie bis zu den Sternen… Nun ja, der Genießer schweigt und geht seinen eigenen Weg. Maria hingegen trägt heute Engelsflügel, einen roten Mini und ein Netz voller Strümpfe. Damit fängt sie die Wünsche der kleinen Kinder ein und schreibt diese ordnungsgemäß auf das angealterte Büttenpapier.

XIV

Das Restlicht zwischen den Häusern reflektiert wie ein wandelnder Stern die tiefer stehende Wintersonne. Rush Hour herrscht zum Feierabend und das laute Hupen vereinzelter Wagen schrillt durch den Stau des Massenverkehrs. Wer noch nicht zu Hause ist, der kann sich an den Silhouetten laben. Der kalte Dunst legt sich wie schwerer Atem auf den Stadtumriss und in dem Radio spielt ein CLASSICO METALLICA den alten Sound von sanften Gitarrenklängen, sodass Caspar das Wippen anfängt. Vielmehr schwelgt er bereits in Fantasien: Wo wird es mich heute Abend hintragen? Und denkt insgeheim, an den Boomerang. Der haut immer ganz gut rein!

XV

Maria mag Pistazieneis, welches blass ihre Lippen benetzt. Auf ihrem Rot die kühle Feuchtigkeit in wortgefassten Augenblicken. Augen nachtklimpernder Schönheit. Vielleicht ist es aber auch nur ein Spiel, man(n) kann es nicht wissen, höchstens erahnen (so ging es zumindest Josef). Ihr Kleid trägt heute ein paar Sterne, dezentes Grün und das Weiß der Wattebäuschen sowie einen Feuchtigkeitsfilm mit etwas Glitzer und Glamour. Ein Engel vielleicht aus den Gluthitzen der Stadt, was folgt, ist wortloses Schweigen. Geschmolzene Stunden, die eine Frage durchbricht: Darf ich dich heute Abend zu einem Proteindrink einladen?

XVI

Schütten auf! High noon, mit einem Spritzer Limette im Glas. Ein Engel zieht durch die nebeltrübe Szenerie und trifft sich bei den Hebammen am Bethel Stift. Dort wird der Showdown der Tann serviert mit Schmetterlingspitzen und einem gut aufgelegten Caspar. Der geht wie ein Lila Laune Bär durch die Stadt und erzählt jedem, was Mann oder Frau nicht hören möchte. Randgespräche kurz vor dem Ostfriedhof und das, das Leben eigentlich viel zu kurz ist, um es nicht richtig zu genießen. Dann wirft er wieder mit Licht um sich, der Weihrauchkönig und fängt an zu lachen.

XVII

Heute hat es rote Karten geregnet. Einladungen zum Nichtstun, um im Manhattan auf die flimmernde Leinwand zu schauen. Mit einem Funkenregen aus Wunderkerzen und OLD RUSTY SPICE, wenn diese im Hintergrund abgebrannt werden, wie Body and Soul aus Walthers Ostwall und einer Retrospektive TODAY I WANT TO SHOW YOU einen etwas anderen Mond bzw. eine Himmelserscheinung: Marke Licht aus tausendundeinem Universum. Supernova gleich, dass dieses verglüht und lauthals auf der Erde endet. Gefallene Engel gibt es zu Hauf, die alle in die Leere des Nachthimmels schauen. Deutung für morgen: Es herrscht bereits reger Betrieb.
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Alles, was einmal war, ist immer noch, nur in einer anderen Form. (Hopi)

Wo ich irgendwelches Leben schädige, muss ich mir darüber klar sein, ob es notwendig ist.
Über das Unvermeidliche darf ich in nichts hinausgehen, auch nicht in scheinbar Unbedeutendem. (Albert Schweitzer)


nichts bleibt, nichts ist abgeschlossen und nichts ist perfekt... (Wabi-Sabi)

Geändert von ginTon (27.11.2021 um 14:43 Uhr)
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