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Alt 02.12.2017, 12:37   #1
Kokochanel
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Standard Thema Dezember I: Winterkalt

Winterkalt


Weiße Flocken tanzen vor den Fenstern, die keine Eiskristalle mehr bilden.
Spurenfreie Schönheit strömt Stille und Erinnerungen an Fäustlinge aus Leder.
Immer legte Großmutter das weiche Kissen auf der Bank des alten Kachelofens zurecht, wenn Anna vom Schlittenfahren heim kam. Kakao dampfte in heißen Tassen ohne Henkel .
Immer griff Großmutter zu dem alten vergilbten Buch in Sütterlin-Schrift und las Anna das Märchen vom Sterntaler vor, denn die wünschte sich wieder und wieder diese eine Geschichte.
Alle Tage war das so, wenn der Schneesturm das entlegene Bauernhaus vom Rest der Welt abgeschnitten hatte.

Heute kriecht Kälte durch die gut versteckten Ritzen der Stadtwohnung und Anna hüllt den Hund und sich in eine warme Decke.
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Alt 02.12.2017, 20:10   #2
Erich Kykal
TENEBRAE
 
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Registriert seit: 18.02.2009
Ort: Österreich
Beiträge: 7.484
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Hi Koko!

Da steigen Bilder auf aus verlorener Kindheit: Die Selbstverständlichkeit des Behütetseins in unveränderlichen Traditionen und der naturverbundenen Weisheit der Alten!
Der Zauber der winterlichen Düfte, des tröstlichen Knackens echten Herdfeuers in der heimeligen Stube, ein Hauch von Familie und Gemeinschaft ...

Wogegen haben wir dies eingetauscht? - Ein einsames Leben mit Karriere in kleinen, unpersönlichen Stadtwohnungen, die trotz Zentralheizung so voller Kälte sind, dass wir uns Tiere als Lebenspartner holen, um die Leere zu füllen, die so viel Eis hinterlässt, wenn es einmal jährlich zu Weihnachten doch mal schmilzt ...

Gut geschrieben!

LG, eKy
__________________
Weis heiter zieht diese Elend Erle Ute - aber Liebe allein lässt sie wachsen.
Wer Gebete spricht, glaubt an Götter - wer aber Gedichte schreibt, glaubt an Menschen!
Ein HAIKU ist ein Medium für alle, die mit langen Sätzen überfordert sind.
Dummheit und Demut befreunden sich selten.

Die Verbrennung von Vordenkern findet auf dem Gescheiterhaufen statt.
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Alt 04.12.2017, 20:10   #3
Kokochanel
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Lieber Erich, ich danke dir für deinen einfühlsamen Kommentar, der es genau trifft.
LG von Koko
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Alt 05.12.2017, 06:28   #4
Sidgrani
Von Raben umkreist
 
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Liebe Koko,

wie aufregend war es, wenn wir Kinder am frühen Morgen zum Fenster liefen, um nachzuschauen, ob es endlich geschneit hatte. Aber erst einmal musste ein Sichtfenster in die mit Eisblumen bedeckten Fensterscheiben gehaucht werden.

Sofort nach dem Frühstück ging es hinaus auf die Rodelbahn. Noch heute habe ich die lauten Rufe "Bahn frei" im Ohr. Nass und erschöpft kamen wir nach Hause und freuten uns auf ein heißes Getränk. Später wurden Schneemänner gebaut und eine Schneeballschlacht veranstaltet - eine unbeschwerte Zeit.

Deine Zeilen haben auch bei mir Kindheitserinnerungen wachgerufen. Schön geschrieben.

Lieben wehmütigen Gruß
Sid
__________________
Alle meine Texte: © Sidgrani

"Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist ein Mensch"

»Erich Kästner«
Sidgrani ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 06.12.2017, 09:52   #5
Ophelia
Erfahrener Eiland-Dichter
 
Benutzerbild von Ophelia
 
Registriert seit: 10.05.2016
Beiträge: 127
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Liebe Koko,

mir gefallen deine Zeilen ebenfalls sehr gut. Man kann sie sich gut bildlich vorstellen, die kleine Anna wie sie mit roten Backen vom Schlittenfahren nach Hause kommt und da von ihrer Großmutter liebevoll umsorgt wird. Heute ist die Oma im Altersheim oder wohnt weit entfernt ebenfalls vereinsamt. Die Schulkinder kommen nach Hause, (oder verbringen als Babys/Kleinkinder schon den ganzen Tag im Hort oder später dann in der Schulbetreuung), die Stadtwohnung ist leer, weil beide Eltern in Vollzeit arbeiten und deshalb gibt es auch leider meistens nicht mal ein Haustier (man kann verstehen, dass sich Eltern nicht noch eine zusätzliche Belastung aufhalsen wollen), dass Wärme spenden könnte. So habe ich es zumindest in der Stadt erlebt. Keiner der Klassenkameraden meiner Kinder hatte einen kuscheligen Freund. In deinen Zeilen spendet der Familienhund wenigstens noch Trost und Geborgenheit. Schon traurig in welche Richtung sich unsere Gesellschaft da entwickelt hat.

Liebe Grüße

Ophelia
__________________
Vom Tod erwart ich Leben und vom Schweigen ein Wort.
Baratynsky
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Alt 07.12.2017, 21:07   #6
Kokochanel
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Es freut mich, lieber Sid, dass ich dir die unbeschwerten Kindertage wieder ins Heute bringen konnte. Danke für deine Zeilen und lG von Koko.
Ja, liebe Ophelia, die gesellschaftliche Entwicklung ist eine Bedauernswerte.
Viele haben keine Zeit mehr für ihre Kinder und meinen, viel Spielzeug würde das ausgleichen.Manche müssen aber auch abeiten in 2 Jobs , um sich und die Familie unterhalten zu können. Das ist traurig.
Wir hatten nicht viel, als ich Kind war, aber Zeit für mich war immer da.
LG und danke auch dir für deine Gedanken.
LG von Koko
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Alt 12.12.2017, 19:19   #7
juli
tierlieb
 
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Beiträge: 2.663
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Hallo Koko,

Auch mir kamen beim Lesen Kindheitserinnerungen hoch. Gerne denke ich an den warmen Ofen, der im Winter immer an war. An das gemeinsame Essen und der Schnee draußen mit seiner Kälte ermöglichte es uns als Familie näher zusammenzurücken. Es war warm auch im doppeltem Sinne.

Heute gibt es Kinderarmut, und die Wohnungen sind knapp, und oft ist wenig Geld da um tatsächlich zu heizen. Ich nehme deinen letzten Satz wörtlich.

Dein Text gefällt mir gut, weil er durch die Spiegelung von "Warm und Kalt" schöne Kindheitserinnerungen mit der manchmal harten Realität vermischt.

Sehr gerne gelesen von sy

__________________
© auf alle meine Texte
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Alt 12.12.2017, 20:13   #8
Mondmann
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Hi Koko,
es ist nicht der beste Klassenaufsatz, aber für eine 2- reicht es.
Einmal "immer" genug!

MfG M.


Winterkalt


Weiße Flocken tanzen vor den Fenstern, die keine Eiskristalle mehr bilden.
Spurenfreie Schönheit strömt Stille und Erinnerungen an Fäustlinge aus Leder.
Stets legte Großmutter das weiche Kissen auf der Bank des alten Kachelofens zurecht, wenn Anna vom Schlittenfahren heim kam.
Kakao dampfte in heißen Tassen ohne Henkel .
Immer griff Großmutter zu dem alten vergilbten Buch in Sütterlin-Schrift und las Anna das Märchen vom Sterntaler vor,
denn die wünschte sich wieder und wieder diese eine Geschichte.
Alle Tage war das so, wenn der Schneesturm das entlegene Bauernhaus vom Rest der Welt abgeschnitten hatte.

Heute kriecht Kälte durch die gut versteckten Ritzen der Stadtwohnung und Anna hüllt den Hund und sich in eine warme Decke.
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Alt 12.12.2017, 21:11   #9
Kokochanel
Gast
 
Beiträge: n/a
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Danke dir, liebe Syranie, für deine Gedanken. Es sollte eine bestimmte Stimmung erzeugt werden und dies scheint mir wohl gelungen zu sein. Freut mich, dass du wieder da bist.
Danke, Mondmann, auch für deine Einlassung. Dies ist eine lyrische Kurzprosa. Sie folgt zwar keiner festen Metrk, dennoch aber bedient sie sich hier einer "weichen, fließenden" Melodie, die zeilenübergeifend den Inhalt unterstützt.Dies unterscheidet sie z.B. von einem beschreibenden Prosatext oder einem "Klassenaufsatz", obwohl ich diese Bezeichnung eher als Scherz aufgefasst habe.
Insofern wäre dein "stets" zu hart mit dem darauf folgenden e des legte.
Das doppelte "immer" hat den Stilmittelcharakter der verstärkenden Wiederholung, die hier gewollt ist.

LG an euch beide von Koko
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Alt 15.12.2017, 21:22   #10
Liara
Melody of Time
 
Registriert seit: 12.02.2017
Beiträge: 343
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Liebe Koko,,

sehr eindringlich deine kleine Geschichte. Mein Opa musste mir auch tausend und einmal das gleiche Märchen erzählen. Da wachen längst vergangene Bilder wieder auf.

Der Unterschied zum Heute ist dir toll gelungen. Da ist ja wenigsten der Hund, dem man etwas Wärme schenken kann.

Ist das doppelte "immer" beabsichtigt? Vielleicht könnte man es gegen "jedes Mal" oder "stets" oder so eintauschen. Ist nur eine kleine Idee.

Eine kleine Geschichte, die man gerne mehrmals liest.

Liebe Grüße
Liara
Liara ist offline   Mit Zitat antworten
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