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Denkerklause Philosophisches und Nachdenkliches

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Alt 16.07.2010, 08:44   #1
Chavali
ADäquat
 
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Registriert seit: 07.02.2009
Ort: Magdeburger Börde
Beiträge: 11.626
Standard In so vielen Jahren




In so vielen Jahren
verschwamm dein Bild vor mir,
fast habe ich vergessen,
wie es war mit dir.

Wir lebten bunte Träume
und unsre Sehnsucht aus,
du flüstertest ich lieb dich
und brachtest mich nach Haus.

In manchen heißen Nächten
schworn wir uns Treu auf Tod.
Versprechen und Verbrechen
bis in das Morgenrot.

Denn Jugend gab nicht Ruhe,
sie trieb mich von dir fort!
So hab ich dich verlassen,
beging der Liebe Mord.

Heut sehe ich dich wieder
mit grauem Haar und alt.
Du siehst mich an und mir wird
im tiefsten Herzen kalt.

Kein Lächeln, keine Regung
verrät, ob du mich kennst,
nur hinter deinen Wimpern
spür ich, wie du mich nennst.

So bitt ich dich, verzeih mir!
Ich sehe es erst jetzt,
dass du so sehr gelitten,
bist lebenslang verletzt.

Du zögerst, doch dann gehst du
mit abgewandtem Blick.
Ich bleib mit meiner Schuld
an dir allein zurück.





__________________
Meine Gedichte
© auf alle meine Texte
Du bist nicht mehr da, wo Du warst,
aber Du bist überall, wo ich bin.


*

Geändert von Chavali (16.07.2010 um 09:05 Uhr)
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Alt 31.07.2010, 18:40   #2
Walther
Gelegenheitsdichter
 
Registriert seit: 09.11.2009
Ort: Im Wilden Süden
Beiträge: 2.836
Standard

Lb. Chavali,

was Du schilderst, ist fast die Maximalstrafe. Wer jung ist, irrt oft. Wer alt ist, verirrt sich. Es gibt aus dieser Schuld keinen Ausweg, und wenn, nur den einen: Jeder muß lernen, über verlorene Liebe, Verlorenes im Allgemeinen, hinwegzukommen. Auch das ist Teil der Reifeprüfung.

Das Gedicht ist in dreihebigen Trochäen verfaßt, die mit dreihebigen Jamben im Wechsel verwandt werden. Dadurch entsteht bei jedem Doppelvers ein sechshebiges Versegment bis zum Reim. Das gibt dem Text das Atemlose und zugleich tragend-tragisch Trauernde.

Es hat mich gewundert, daß dieser Text, der so einfach daherkommt, das aber nun gar nicht ist, sondern vielmehr höchst feinsinnig komponiert, niemanden zu einer Stellungnahme herausgefordert hat. Vielleicht eines zum Schluß: Wenn etwas ganz unscheinbar und wundersam gefügt daherkommt, ist es besonders gut. Denn gerade die Leichtigkeit ist die schwerste Übung aller Dichtung.

Danke und Grüße

W.
__________________
Dichtung zu vielen Gelegenheiten -
mit einem leichtem Anflug von melancholischer Ironie gewürzt
Alle Beiträge (c) Walther
Abdruck von Werken ist erwünscht, bedarf jedoch der vorherigen Zustimmung und der Nennung von Autor und Urheberrechtsvorbehalt
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Alt 18.08.2010, 21:00   #3
ginTon
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Beiträge: 9.863
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liebe chavi,

diesen Text empfindet man irgendwie als traurigschön, einerseits aufgrund der
Meldodie und der melancholischen Sprachführung und natürlich aufgrund des
Inhaltes,, man kann im Endeffekt aus dem Text nicht genau ein Ende heraus-
lesen...man weiß ein Paar war zusammen und konnte diese Beziehung nicht auf-
rechterhalten "Verbrechen und Versprechen" wahrscheinlich aufgrund von
Fehlern beiderseitig dadurch zerbrach diese Beziehung..

was jetzt natürlich schicksalhaft scheint ist das Beide sich wiedertreffen und die
Frau die Trauer des anderen sieht und sie sich selbst erkennt, dann ist das Gedicht
zu Ende..was jetzt weiter geschieht weiß man ja nicht...

wäre es so gelaufen das die Frau den Mann gesehen hätte und ein Gespräch daraus
entstanden wäre ala "ach du wie gehts dir denn so etc" wäre das Ende der Geschichte
vorhersehbarer...hier schwingt ja irgendetwas anderes im Hintergrund mit so als wäre
der Bruch von damals bei der Frau eine Gefühlverdrängung war, warum sollte sie sich
sonst schuldig fühlen und bei ihm die Inkonsequentz trotz der Gefühle sie halten zu können
o. so...na ja das Ende ist in dem Sinn insofern offen, dass sie sich eben nochmal sehen
und etwas erkennen,,

gefällt mir gut der Text, ist sehr ruhigfließend geschrieben ..liebe Grüße gin

PS: schön das du wieder da bist
__________________
© Bilder by ginton

Wer bin ich dass...


Nicht im Schreiben liegt die Schwierigkeit, sondern darin, so zu leben, dass das zu Schreibende ganz natürlich entsteht (Jaccottet)
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Alt 30.08.2010, 00:02   #4
Blaugold
Erfahrener Eiland-Dichter
 
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Ort: BadenWürttemberg
Beiträge: 526
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Hallo Chavali

Ich hege dem Gedicht gegenüber unterschiedliche Meinungen.
Einerseits ist die Thematik und die Aussage klar und einfach strukturiert dargelegt.
An diesem Textbeispiel kann man erkennen, dass gemeinsame Vergangenheiten nicht unbedingt auch gemeinsam (gleich) erinnert und mit der Zeit transponiert werden.

Offensichtlich ist das Lyrische Du zu keinem tete a tete bereit, ob bewusst oder nicht ist dem Text nicht zu entnehmen.

Scheinbar ist dieses Gedicht deshalb ein "Sendung" an den/die, denn im Augenblick des Zusammentreffens gab es keine Aussprache.

Die Bitte, zu verzeihen ist für mich eine der wichtigsten menschlichen Gesten oder Handlungen. Wenn man die wirklichen Beweggründe betrachtet, allerdings auch sehr hinterfragwürdig. Fragst du dich auch manchmal, warum dies für den sich schuldig fühlenden Mensch zu gegebener Zeit scheinbar so dringend erbeten wird?
Die Tat, die zur Schuld führte wird dadurch ja nicht mal negiert; das Leid, das zugefügt wurde, auch nicht gelindert.
Ich denke, der Ursprung ist eigentlich wiederum der Egoismus, der sich nicht zur Schuld bekennen möchte. Das Ego kennt sowas nicht an, eigene Schuld! Im Grunde möchte es frei von derlei Dingen sein. Es möchte also, dass die Schuld von ihm genommen wird. Es ist Hinterlist: Bitte nimm deinen Hass, deine Vorwürfe etc. von mir, ich möchte ja geliebt werden. Oder zumindest, damit Ich mich wieder besser fühle.
Was sagt dahingegen die Liebe?
Wir haben unsere Seelen gekränkt. Ich meine, dadurch, dass ich dir nicht mit Liebe und Achtung begegnet bin (falls dies der Fall ist.) Du deine, indem du sie mit Hass, Gram, Verschlossenheit, Unnachgiebigkeit und dergleichen mehr belastest.

Lässt der Verletzte wirklich diese destruktiven inneren Gefühle los, verzeiht er damit auch. Es geht also um das Leid beider.
Liebe kann diesen Zusammenhang erkennen und aussprechen, findest du nicht!
Was meinst du dazu?



Blaugold

Geändert von Blaugold (30.08.2010 um 00:05 Uhr)
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Alt 31.08.2010, 19:42   #5
Alma Marie Schneider
Eiland-Dichter
 
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Beiträge: 48
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Ein wunderschön fließendes Gedicht. Mich hat seine Sprachmelodie mitgenommen und ich habe die Traurigkeit gespürt, die dieses Nichtverzeihen abschließt.

Liebe Grüße
Alma Marie
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Alt 10.01.2011, 19:40   #6
Dana
Slawische Seele
 
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Liebe Chavali,

ich nehme mir ab und an eine(n) Eilanddichter/in vor und stöbere in seinen/ihren Werken.
Heute bist du dran -

An diesem möchte ich nicht ohnen einen Kommentar vorbei.

Hat man ( wie ich) ein paar "Jährchen" gelebt, so versteht man das Anliegen des lyr. Ich nur zu genau.
Es ist einst gegangen. Die Jugend gab ihm die Freiheit und die Gelassenheit nicht lange und viel darüber nachzudenken.
Erst bei einer späteren Begegnung wird es von einer "Schuld" eingeholt, die traurig stimmt, auch den Leser.

Ich begann zu denken und nachzudenken. Vielleicht um dem lyr. Ich und mir selbst beizustehen.
Manchmal "driftet" man gedankenlos auseinander, nicht nur Liebende.
Eine notwendige Klärung, Aussprache findet nicht statt. Bei einer später Zufallsbegegnung "traut" man sich nicht mehr.
Was bleibt? Ein Schuldgefühl, obwohl es vielleicht gar nicht angebracht ist.
Mangels "freier Begegnung und Aussprache" wird man sich davon nie mehr befreien - dabei kann es sein, dass man einst für beide die richtige Entscheidung getroffen hat.

Diese Ungewissheit hast du in schönen, sentimentalen Versen verfasst und bist der Realität nah geblieben.

Ich habe dein Gedicht gern gelesen und darüber resümiert.
Mir auch gedacht, dass vielleicht ein leichtes "Hallo, wie geht's?" schon genug gewesen wäre. Es müssen nicht immer tiefe, nachgrabende Gespräche stattfinden.

Ach, da könnte ich noch lange mit dir reden.

Liebe Grüße
Dana
__________________
Ich kann meine Träume nicht fristlos entlassen,
ich schulde ihnen noch mein Leben.
(Frederike Frei)
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Alt 19.02.2011, 17:49   #7
Chavali
ADäquat
 
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Meine lieben Dichterfreunde,

bitte verzeiht mir meine späte, allzu späte, aber doch nicht zu späte Antwort auf eure Kommentare!


Lieber Walther,
vielen Dank für deine überaus positive Beurteilung.
Zitat:
Das Gedicht ist in dreihebigen Trochäen verfaßt, die mit dreihebigen Jamben im Wechsel verwandt werden.
Dadurch entsteht bei jedem Doppelvers ein sechshebiges Versegment bis zum Reim.
Das gibt dem Text das Atemlose und zugleich tragend-tragisch Trauernde.
Darauf hab ich jetzt nicht speziell geachtet - ich habe nach Gefühl und Gehör gedichtet.
Schön, dass es so geworden ist, das Gedicht.
Zitat:
Es hat mich gewundert, daß dieser Text, der so einfach daherkommt, das aber nun gar nicht ist,
sondern vielmehr höchst feinsinnig komponiert, niemanden zu einer Stellungnahme herausgefordert hat.
Vielleicht eines zum Schluß: Wenn etwas ganz unscheinbar und wundersam gefügt daherkommt, ist es besonders gut.
Denn gerade die Leichtigkeit ist die schwerste Übung aller Dichtung.
Das ist ein wundervolles Kompliment und ich bedanke mich herzlich dafür.

Lieber ginnie,
du hast dich intensiv mit dem Inhalt befasst und dir deine Gedanken darüber gemacht.
Das finde ich wunderbar, denn auch dafür schreibt man (ich) seine Texte.
Und wenn sie berühren und zum Nachdenken anregen, ist das der schönste Lohn.
Zitat:
gefällt mir gut der Text, ist sehr ruhigfließend geschrieben
Danke dir!

Lieber Blaugold,
Zitat:
[...]Lässt der Verletzte wirklich diese destruktiven inneren Gefühle los,
verzeiht er damit auch. Es geht also um das Leid beider.
Liebe kann diesen Zusammenhang erkennen und aussprechen, findest du nicht!
Was meinst du dazu?
Ja, natürlich, beide leiden, was es ihnen aber auch,
durch die Ereignisse geschuldet, schwer macht, darüber miteinander zu sprechen.
Wenn sie das könnten, wäre vieles leichter.

Lass dir danken für die Einlassung zu dem Inhalt des Gedichtes!


Liebe Alma-Marie,
Zitat:
Ein wunderschön fließendes Gedicht.
Mich hat seine Sprachmelodie mitgenommen und ich habe die Traurigkeit gespürt,
die dieses Nichtverzeihen abschließt.
Danke, vielen Dank!


Liebe Dana,
du hast ganz recht, es sind diese unausgesprochenen und ungeklärten Dinge, die verhinderten,
dass Menschen gegenseitig die Beweggründe verstehen, die zu diesem oder jenem Ereignis geführt haben.
Warum ist das nur so schwer...? Da gibt es viele Gründe!
Zitat:
[...]Diese Ungewissheit hast du in schönen, sentimentalen Versen verfasst und bist der Realität nah geblieben.
Ich habe dein Gedicht gern gelesen und darüber resümiert.
Hab herzlichen Dank dafür!




Euch allen liebste Grüße,
Chavali









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Meine Gedichte
© auf alle meine Texte
Du bist nicht mehr da, wo Du warst,
aber Du bist überall, wo ich bin.


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