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Alt 21.12.2012, 22:36   #1
Falderwald
Lyrische Emotion
 
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Servus Erich,

wie schön, daß du mit deiner letzten Antwort an Dana meine ganz eigenen Überlegungen zu Text und Kommentaren bestätigt hast.

Von wegen aus der Sicht der Frau, sondern aus der betrachtenden Sicht des verzehrenden Mannes ist dieses Sonett geschrieben.

Da steht ein gereifter Dichter und betrachtet einen kleinen, fetten und schüchternen Jungen mit hellem Geist, wie ihm von einem dümmlichen Typen mit Machogehabe ein nettes Mädchen vor der Nase weggeschnappt wird und fragt sich nach dem Warum.

Tja, warum wohl?
Das Imponiergehabe, dieses erste Zeichen von noch nicht verkraftetem Erwachsenwerden, schau her Baby, ich kann dir Dinge zeigen, von denen du noch gar keine Ahnung hast, machen auf viele Mädels in einem bestimmten Alter Eindruck.
Vielleicht sieht der Typ auch noch gut aus, hat einen schönen Körper und somit die Attribute eines "Mannes" und das wirkt anziehend, weil stark und gesund.
Vielleicht wollte sie es auch einfach nur wissen und was hätte der schüchterne Intellektuelle ihr auch bieten können?
Hat er es ihr gesagt, wohl kaum, wenn er so schüchtern war.

Der Macho war also gar nicht so dumm, zumindest aus seiner Sicht, denn er hat bekommen, was er wollte.

Und sie hat auch bekommen, was sie verdiente, denn sie bevorzugte ihn ja auch.

Ein kleines, fettes und schüchternes Mädchen mit Intellekt hätte der Macho wahrscheinlich niemals angesprochen und wenn doch, hätte er sie nicht bekommen.

Ich halte es da mit Kurt Tucholsky und seinem Text Ideal und Wirklichkeit

So ist das Leben.

Trotzdem ein schönes Sonett, denn manchmal fragt man sich zu Recht, ob das Leben nicht zum größten Teil aus lauter Ungerechtigkeiten besteht.
Zumindest aus der eigenen individuellen Sicht.

Und wem ist nicht Gleiches oder Ähnliches auch schon passiert?

Dafür darf der Intellektuelle dann hinterher die "Naive" in seiner Dichtung besingen.
Das hat dann wenigstens eine Weile Bestand, nicht wahr?


Gerne gelesen und kommentiert...


Liebe Grüße

Bis bald

Falderwald
__________________


Oh, dass ich große Laster säh', Verbrechen, blutig kolossal, nur diese satte Tugend nicht und zahlungsfähige Moral. (Heinrich Heine)



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Alt 22.12.2012, 11:47   #2
Thomas
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Beiträge: 3.375
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Hallo Erich,

ich glaube nun zu verstehen, was du meinst. Es ist die unschuldige Naivität, die anziehend und entwaffnend wirkt, die jedoch, wie der Duft einer Blüte, nie wieder kommt, wenn sie verloren ging. Das klingt in der Schlusszeile ja an.

Liebe Grüße
Thomas
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Alt 22.12.2012, 14:09   #3
Erich Kykal
TENEBRAE
 
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Beiträge: 8.570
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Hi, Faldi!

Ich weiß gar nicht mehr, wie ich auf das Thema kam! Ich spürte das Wallen der Schreiblust in mir und wollte ein sprachlich besonders gut gefeiltes und perfektes Sonett schreiben - und Schwupps - war diese Erinnerung plus dem vernichtenden Gefühl dazu in mir da und trieb mir die Zeilen aus der Feder!

Heute berührt mich diese Szene nicht mehr, sehe ich doch Vergleichbares fast täglich bei mir in der Schule, von verliebtem Händchenhalten bis hin zum Rotz und Wasser heulenden Mädchen, das vergeblich auf seine Tage wartet.
Die Erinnerung an meine damalige Seelenpein amüsiert mich heute eher, ist doch der, welcher ich damals war, so unendlich weit schon von jenem entfernt, der ich heute bin. Und doch...man ertappt sich dabei, sich nach dieser Tiefe des Gefühlten zurückzusehnen, sei es auch noch so peinvoll gewesen: Allein überhaupt wieder etwas fühlen zu können, ist die Gedankenreise wert!


Hi, Thomas!

Was wir verlieren, wissen wir erst durch dessen Mangel und die damit einhergehende Verschlechterung der Lebensumstände zu schätzen. Junge Menschen glauben sich unverwundbar - bis sie bluten! Da Erfahrungen nicht übertragbar sind, muss jede neue Generation es "auf die harte Tour" lernen.
Wer Glück hat, erfährt zum Ausgleich für den Verlust der Unschuld, der Naivität etwas Lebensreife und Weisheit. Aber manche Menschen scheinen ein lebenslanges "Talent" im Aussuchen der immer und ewig falschen Partner zu haben! Ist das nun Masochismus oder pure Dummheit?


LG, eKy
__________________
Weis heiter zieht diese Elend Erle Ute - aber Liebe allein lässt sie wachsen.
Wer Gebete spricht, glaubt an Götter - wer aber Gedichte schreibt, glaubt an Menschen!
Ein HAIKU ist ein Medium für alle, die mit langen Sätzen überfordert sind.
Dummheit und Demut befreunden sich selten.

Die Verbrennung von Vordenkern findet auf dem Gescheiterhaufen statt.
Hybris ist ein Symptom der eigenen Begrenztheit.

Geändert von Erich Kykal (22.12.2012 um 14:16 Uhr)
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