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Alt Gestern, 13:15   #1
Taxi5013
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Standard Das Böse

Das Böse

Es war eine Nacht ohne Sterne.

Kein Mond stand am Himmel, kein Vogel sang, und selbst der Wind schien den Atem anzuhalten.

In dieser Nacht ging ein alter Mann allein durch die Straßen einer Stadt.

Er hatte viele Kriege gesehen.

Er hatte Männer sterben sehen, Frauen weinen und Kinder, die nicht mehr verstanden, warum ihre Väter niemals zurückkehrten.

Er hatte gesehen, wie Menschen für Geld ihre Freunde verrieten, wie Brüder um Erbschaften stritten und wie ganze Völker einander hassten, obwohl sie sich nie zuvor begegnet waren.

Und immer wieder hatte er sich dieselbe Frage gestellt:

Woher kommt das Böse?

An diesem Abend wollte er endlich eine Antwort.

Er ging bis an den Rand der Stadt, dorthin, wo die Häuser endeten und ein dunkler Wald begann.

Dort stand ein altes Haus.

Niemand wusste, wem es gehörte.

Der alte Mann öffnete die Tür.

Drinnen brannte eine einzige Kerze.

Und neben der Kerze saß ein Mann.

Er war alt.

Sehr alt.

Sein Gesicht war von Falten durchzogen, doch seine Augen waren hell und kalt.

„Ich habe auf dich gewartet“, sagte er.

Der alte Mann erschrak.

„Wer bist du?“

Der Fremde lächelte.

„Du suchst das Böse.“

Der alte Mann nickte.

„Dann hast du mich gefunden.“

Eine lange Stille entstand.

„Bist du der Teufel?“, fragte der Alte schließlich.

Der Fremde lachte leise.

„Nein.“

„Ein Dämon?“

„Nein.“

„Wer bist du dann?“

Der Fremde beugte sich über die Kerze.

„Ich bin das, was die Menschen aus mir gemacht haben.“

Der Alte verstand nicht.

Da öffnete der Fremde eine große schwarze Truhe.

Darin lagen keine Goldstücke.

Keine Waffen.

Keine Juwelen.

Darin lagen Erinnerungen.

Bilder von Kriegen.

Von brennenden Städten.

Von Menschen, die hungernd auf der Straße lagen.

Von Kindern, die weinten.

Von Männern, die Macht verlangten.

Von Frauen, die aus Habgier verraten wurden.

Von Menschen, die zusahen und nichts taten.

Der Alte wandte sich ab.

„Das ist schrecklich.“

„Ja“, sagte der Fremde.

„Aber warum tust du das?“

Der Fremde sah ihn an.

„Ich?“

Er deutete auf die Bilder.

„Wer hat diese Kriege begonnen?“

Der Alte schwieg.

„Wer hat die Waffen gebaut?“

Schweigen.

„Wer hat sie verkauft?“

Wieder Schweigen.

„Wer hat den Hass geschürt?“

Der Alte senkte den Kopf.

„Die Menschen“, sagte er leise.

„Genau.“

Der Fremde schloss die Truhe.

„Ihr sucht mich seit Jahrhunderten. Ihr malt mich mit Hörnern. Ihr nennt mich Satan, Teufel, Dämon oder Monster.“

Er stand auf.

„Dabei habe ich nie einen einzigen Krieg begonnen.“

Der Alte sah ihn erschrocken an.

„Was willst du damit sagen?“

Der Fremde trat näher.

„Ich musste die Menschen nie dazu zwingen, böse zu sein.“

Er lächelte.

„Ich musste ihnen nur erzählen, dass sie besser seien als die anderen.“

Die Kerzenflamme flackerte.

„Ich flüsterte ihnen zu: Nimm dir, was dir gehört.“

„Ich sagte: Hasse deinen Nachbarn.“

„Ich sagte: Du bist stark, wenn der andere schwach ist.“

„Ich sagte: Rache ist Gerechtigkeit.“

„Und immer glaubten sie mir.“

Der alte Mann sah lange zu Boden.

„Kann man dich besiegen?“

Der Fremde antwortete:

„Nein.“

Der Alte erschrak.

Doch dann fügte der Fremde hinzu:

„Aber man kann mich verhungern lassen.“

„Wie?“

„Indem ihr nicht mehr hasst.“

„Indem ihr teilt.“

„Indem ihr vergebt.“

„Indem ihr den Schwachen schützt.“

„Indem ihr Nein sagt, wenn alle anderen Ja sagen.“

Der alte Mann schaute ihn an.

„Dann bist du gar nicht allmächtig.“

Der Fremde lächelte.

„Nein.“

„Was bist du dann?“

Der Fremde blies die Kerze aus.

Im selben Augenblick wurde es vollkommen dunkel.

„Ich bin nur so stark, wie ihr mich werden lasst.“

Der alte Mann öffnete die Tür.

Draußen begann gerade der Morgen zu dämmern.

Zum ersten Mal seit langer Zeit sah er die Welt anders.

Die Straßen waren noch dieselben.

Die Häuser waren dieselben.

Die Menschen waren dieselben.

Aber nun wusste er etwas, das er zuvor nicht verstanden hatte:

Das Böse trug nicht immer ein hässliches Gesicht.

Manchmal trug es eine Uniform.

Manchmal einen teuren Anzug.

Manchmal sprach es von Gerechtigkeit.

Manchmal von Religion.

Manchmal von Vaterland.

Und manchmal…

saß es ganz unscheinbar neben einem am Tisch.

Der alte Mann ging zurück in die Stadt.

An einer Kreuzung sah er einen Jungen, der einem alten Mann beim Aufheben seiner heruntergefallenen Sachen half.

Ein kleines Mädchen gab einem frierenden Hund ihre Jacke.

Zwei Männer, die sich am Vortag gestritten hatten, reichten einander die Hand.

Der alte Mann blieb stehen.

Und plötzlich musste er lächeln.

Denn er hatte verstanden:

Das Böse war nicht verschwunden.

Aber ebenso wenig war das Gute verschwunden.

Und vielleicht war genau das der ewige Kampf der Menschheit.

Nicht der Kampf zwischen Engeln und Teufeln.

Nicht zwischen Himmel und Hölle.

Sondern zwischen zwei Stimmen, die in jedem Menschen wohnen.

Eine sagt:

„Nimm!“

Die andere:

„Gib.“

Eine sagt:

„Hasse!“

Die andere:

„Verzeih.“

Eine sagt:

„Denk nur an dich.“

Die andere:

„Vergiss den anderen nicht.“

Und tief in jedem Menschen wartet die Entscheidung.

Der alte Mann ging weiter.

Hinter ihm lag das alte Haus.

Doch als er sich noch einmal umdrehte, war es verschwunden.

Nur eine kleine schwarze Kerze lag auf dem Boden.

Er hob sie auf.

Auf ihrer Seite stand ein einziger Satz:

„Das Böse beginnt dort, wo der Mensch aufhört, Mensch zu sein.“

Der alte Mann steckte die Kerze ein.

Und ging dem Licht entgegen.

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