Einzelnen Beitrag anzeigen
Alt 10.10.2026, 20:11   #6
thommi
Erfahrener Eiland-Dichter
 
Registriert seit: 28.12.2013
Beiträge: 102
Standard

Hallo Floris,

zunächst einmal ein ganz herzliches Danke für deinen ausführlichen Kommentar und die tiefen Gedanken, die du dir zu meinem Essay gemacht hast! Du hast mich damit ebenfalls sehr zum Nachdenken gebracht – und genau so soll ein lebendiger Diskurs auf Augenhöhe ja auch sein.

Da du meinen Text so wunderbar seziert hast, erlaube mir, dass ich deine Argumente im Gegenzug ebenfalls ein wenig auf den philosophischen Prüfstand stelle.

Fangen wir mit dem an, was du als meinen „einfachen billigen Reflex“ bezeichnest – nämlich, dass ich Gott das Leid auf der Welt zuschreibe, obwohl der Mensch der Verursacher von Kriegen und Elend ist. Da stimme ich dir psychologisch vollkommen zu. Aber du übersiehst dabei den eigentlichen Kern meines Arguments, das in der Philosophie als das klassische Theodizee-Problem bekannt ist: Ich werfe einem potenziellen Gott nicht vor, dass er das Leid aktiv anzettelt, sondern dass er als per Definition Allmächtiger tatenlos dabei zusieht. Wenn ein Wesen die Macht hat, das unschuldige Krepieren eines Kindes mit einem Fingerschnippen zu verhindern, es aber nicht tut, dann macht es sich moralisch der unterlassenen Hilfeleistung mitschuldig. Dieses theologische Dilemma versuchen die Kirchen seit 2000 Jahren verzweifelt und erfolglos wegzuerklären.

Damit kommen wir direkt zu deiner moralischen Keule und der Frage, warum ich nicht einfach das nächste Mütterlein umbringe oder ihr die Handtasche entreiße, wenn ich doch auf „eure Moral“ pfeife. Du unterstellst damit implizit, dass die Menschheit nur deshalb nicht übereinander herfällt, weil irgendwo ein kirchlicher Ritus oder die Angst vor dem Fegefeuer im Hintergrund mitschwingt. Das hieße ja im Umkehrschluss, dass wir eine Moral aus reiner Angst und Unmündigkeit leben.

Ich sehe den Menschen – genau wie der Philosoph Arthur Schopenhauer – durchaus als triebgesteuertes, egoistisches Raubtier. Aber der entscheidende Unterschied ist: Wir brauchen keine Kirche, um dieses Raubtier zu zähmen. Schopenhauer begründet die Moral durch die Mitleidstheorie: Wenn ich das Leid eines anderen sehe, erkenne ich mich instinktiv selbst darin und helfe – ganz ohne Weihwasser und Dogmen. Und wo das Mitleid versagt, greift Immanuel Kants Kategorischer Imperativ: Der vernunftbegabte Mensch begreift durch pure Logik, dass eine Welt, in der jeder jeden ausraubt, nicht funktionieren kann.

Mein „Sex & Drugs & Rock & Roll“ ist kein Freifahrtschein zur Sittenlosigkeit, sondern konsequenter Hedonismus: Weil das Leben so kurz und danach nichts mehr ist, sollten wir die Zeit maximal genießen – solange wir dabei eben niemandem schaden.

Du schreibst völlig richtig, dass der Mensch nicht nur Proteine braucht, sondern auch Liebe, Zuwendung, Inhalte und Sinn. Aber warum um alles in der Welt sollten wir den Kirchen das Monopol darauf überlassen, diese Werkzeuge zu verwalten? Liebe und Zuwendung sind zutiefst humane, evolutionäre Eigenschaften. Wer einen Ritus braucht, um Sinn zu finden, darf das gerne tun – aber es geht eben auch wunderbar säkular, durch Kunst, Philosophie und echte zwischenmenschliche Begegnung.

Und genau deshalb hinkt für mich auch dein AfD-Vergleich. Die These, dass die Kirchenaustritte direkt zum Sittenverfall und zum Erstarken des Mobs auf Parteitagen führen, ist soziologisch extrem gewagt. Die Geschichte hat uns schmerzhaft gelehrt, dass die Kirchen noch nie ein verlässliches Bollwerk gegen Faschismus oder Unterdrückung waren – im Gegenteil, oft genug haben sie wunderbar mit den jeweiligen Machthabern harmoniert und konspiriert. Der moralische Kompass der Menschen wird heute nicht beschädigt, weil sie nicht mehr in der Kirche sitzen, sondern weil es unserer Gesellschaft an echter, säkularer Bildung und Aufklärung fehlt.

Ich ziehe den Hut vor deiner Konsequenz, selbst ausgetreten zu sein und deinen Glauben als Privatsache zu leben. Genau da gehört er hin. Aber lass uns den Mut haben, die Moral aus den Händen der Institutionen zu befreien und sie dorthin zurückzubringen, wo sie hingehört: in den gesunden Menschenverstand und das echte, empathische Miteinander im Hier und Jetzt.

Liebe Grüße zurück
thommi

thommi ist offline   Mit Zitat antworten