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Alt 29.03.2026, 10:51   #1
Taxi5013
Erfahrener Eiland-Dichter
 
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Standard Die unbekannte, schöne Hölle

Die Hölle, so glaubten die meisten, sei ein Ort aus Feuer, Schreien und ewiger Qual. Doch niemand sprach von der anderen Hölle — der schönen, stillen, beinahe verführerischen. Jener Hölle, die nicht abschreckte, sondern einlud.

Die unbekannte, schöne Hölle

Als Elias die Augen öffnete, war da kein Schmerz.

Nur Licht.

Es war ein warmes, goldenes Licht, das sich sanft über eine endlose Landschaft ausbreitete. Hügel rollten in weichen Wellen bis zum Horizont, bedeckt von Blumen, deren Farben er nie zuvor gesehen hatte. Die Luft roch nach Sommerregen und etwas Süßem, das er nicht benennen konnte.

„Du bist angekommen“, sagte eine Stimme hinter ihm.

Elias drehte sich um. Eine Frau stand dort, in schlichtem weißen Gewand, ihr Gesicht ruhig, beinahe zeitlos.

„Ist das…?“ Seine Stimme stockte. „Der Himmel?“

Die Frau lächelte leicht. „Nicht ganz.“

Er hätte misstrauisch sein sollen. Doch alles fühlte sich richtig an. Sein Körper war leicht, frei von Schmerz. Keine Sorgen, keine Erinnerungen, die ihn quälten. Nur Frieden.

Und so blieb er.

Die Tage — oder was auch immer Zeit hier bedeutete — vergingen ohne Gewicht. Elias wanderte durch Wälder aus silbernen Bäumen, schwamm in Seen, die wie flüssiger Himmel schimmerten, und hörte Musik, die aus keiner erkennbaren Quelle kam.

Er traf andere.

Sie lächelten alle.

Immer.

Zu Beginn erschien es ihm wie ein Geschenk. Niemand stritt, niemand weinte, niemand wollte mehr, als er hatte. Jeder war zufrieden.

Perfekt zufrieden.

Zu perfekt.

Eines Tages — oder vielleicht war es viel später — bemerkte Elias etwas Seltsames.

Ein Mann saß am Ufer eines Sees, reglos, mit starrem Blick.

„Ist alles in Ordnung?“ fragte Elias.

Der Mann drehte langsam den Kopf. Sein Lächeln war da, aber seine Augen… waren leer.

„Alles ist gut“, sagte er.

„Wirklich?“ Elias setzte sich neben ihn. „Du wirkst nicht—“

„Alles ist gut“, wiederholte der Mann, diesmal schneller. Fester. Als würde er sich selbst überzeugen wollen.

Elias spürte zum ersten Mal etwas, das hier nicht existieren sollte.

Unruhe.

Er begann genauer hinzusehen.

Die Blumen waren immer gleich schön. Kein Blatt verwelkte je. Der Himmel veränderte sich nie. Die Menschen sagten immer die gleichen Dinge, in den gleichen ruhigen Tönen.

Niemand stellte Fragen.

Niemand erinnerte sich an früher.

Und als Elias versuchte, sich zu erinnern, spürte er… nichts.

Seine Vergangenheit war wie ausgelöscht.

„Was ist das hier wirklich?“ fragte er die Frau eines Abends, als sie wieder erschien.

Sie sah ihn lange an. Diesmal ohne Lächeln.

„Ein Ort ohne Leid“, antwortete sie.

„Aber auch ohne Wahrheit, oder?“ Seine Stimme war jetzt schärfer. „Ohne Veränderung. Ohne… Leben.“

Die Frau schwieg.

„Warum kann ich mich nicht erinnern?“

„Weil Erinnerung Schmerz bringt.“

„Und ohne Schmerz…?“ Elias zögerte.

„Gibt es keinen Verlust“, sagte sie. „Keine Angst. Keine Sehnsucht.“

Elias lachte leise. Es klang falsch in dieser stillen Welt.

„Und keine Bedeutung.“

Zum ersten Mal seit seiner Ankunft fühlte er etwas Echtes.

Trauer.

Nicht, weil er litt — sondern weil er begriff, dass er hier niemals wirklich fühlen würde.

Dass alles Schöne nur eine perfekte Oberfläche war.

Eine endlose, makellose Fassade.

„Kann ich gehen?“ fragte er schließlich.

Die Frau sah ihn lange an.

„Nur wenige stellen diese Frage.“

„Das ist keine Antwort.“

„Doch“, sagte sie ruhig. „Das ist sie.“

Elias blickte ein letztes Mal auf die Landschaft.

Sie war atemberaubend.

Und vollkommen leer.

Dann schloss er die Augen.

Und wünschte sich zum ersten Mal seit langer Zeit etwas, das hier unmöglich war:

Unvollkommenheit.

Als er sie wieder öffnete, war das Licht verschwunden.

Und mit ihm die schöne Hölle.

Man sagt, die Hölle sei ein Ort des Schmerzes.

Doch vielleicht ist die schlimmste Hölle die, in der alles gut ist —
nur du selbst nicht mehr wirklich existierst.
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