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Die Zivilisation trägt weiße Handschuhe
Die Zivilisation trägt weiße Handschuhe Man sagt, wir lebten in einer zivilisierten Zeit. Ein Wort so glatt, dass es aus den Händen gleitet, wenn man versucht, es an der Wirklichkeit zu messen. Die Menschheit nennt sich zivilisiert, weil sie Messer und Gabel benutzt — doch sie führt Kriege, als wäre sie noch im Fell. Staaten sprechen von Fortschritt, weil die Waffen weiter reichen und die Drohnen mit chirurgischer Präzision das Falsche treffen. Die Barbarei trägt heute einen maßgeschneiderten Anzug und lächelt höflich in die Kamera, während hinter ihr die Städte brennen. Die Folter kommt mit Formularen. Man hakt sie ab, wie man eine Lieferung prüft. Ordnung muss sein, selbst im Grauen — besonders im Grauen. Die Menschheit liebt ihre Etiketten. Werte, Humanität, Demokratie — Parfümwörter, die man versprüht, um den Gestank der eigenen Taten zu überdecken. Und wenn irgendwo ein Kind verhungert, sagt man, es sei ein komplexes Problem. Komplex genug, um nichts zu tun. Die Bürokratie hat die Moral ersetzt. Die Empathie wird nur noch in Talkshows gezeigt, weil sie dort Einschaltquoten bringt. Ich frage mich oft, warum die Menschheit so gern behauptet, sie sei zivilisiert. Vielleicht, weil sie sich selbst nicht erträgt? Der Mensch baut Bibliotheken, um seine Weisheit zu beweisen und Gefängnisse, um seine Angst zu verstecken. Er errichtet Denkmäler für die Opfer vergangener Kriege, während er die nächsten schon plant — diesmal natürlich aus trauriger Notwendigkeit. Die Geschichte ist ein Theaterstück, das immer wieder aufgeführt wird. Die Kostüme wechseln, die Handlung bleibt gleich. Die Menschheit ist ein Schüler, der jedes Jahr dieselbe Klasse wiederholt und trotzdem verkündet, er habe große Fortschritte gemacht. Die Jahrhunderte seufzen leise — nicht aus Mitleid, sondern aus Erfahrung. Und doch gibt es Menschen, die verzweifeln — nicht aus Schwäche, sondern aus Klarheit. Sie sehen, dass die Welt nicht an Naturkatastrophen leidet, sondern an Menschen. Hunger ist keine Laune des Schicksals, sondern eine Entscheidung. Krieg ist kein Unfall, sondern ein Geschäft. Leid ist nicht unvermeidlich, sondern organisiert. Die Zivilisation ist ein Mantel, höflich über die Gewalt gelegt. Er wärmt nicht — er kaschiert. Und wenn der Wind der Geschichte weht, hebt er sich ein wenig, und man sieht darunter die alten Muster, die nie verschwunden sind. Die Menschheit nennt das bedauerliche Einzelfälle. Ich nenne es: den Charakter der Spezies. Vielleicht kommt ein Jahrhundert, das wirklich gelernt hat. Vielleicht begreift man irgendwann, dass Zivilisation nicht bedeutet, wie man isst, sondern wie man handelt. Bis dahin bleibt uns die Ironie — jene feine, stille, elegante Ironie, die nicht heilt, aber wenigstens die Wahrheit benennt. Denn wer die Welt nicht ändern kann, darf sie wenigstens entlarven. Falderwald . .. . |
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Falderwald