![]() |
Zyklus: Im Schatten der Sucht
1. Verführung (Der grüne Tisch)
2. Gewöhnung (Alkohol – ein falscher Freund) 3. Innere Abhängigkeit (Der Schatten im Glas) 4. Allgemeiner Blick auf Drogen (Drogen) 5. Das persönliche Schicksal (Mein Freund) 6. Der völlige Absturz (Im Schatten der Nadel) 7. Die gesellschaftliche Wirklichkeit (Bahnhofsviertel) 8. Rückblick und Erkenntnis (Endstation Amsterdam) 9. Epilog – Hoffnung (Träumerisches Asyl) Der grüne Tisch Der Wagen glänzt im Abendlicht, als kenne er die Zweifel nicht. Die Grenze liegt nur eine Stunde fern, dort glimmt am Himmel schon ein Stern. Ein Portier öffnet leis die Tür, als wartete das Glück schon hier. Der Teppich schluckt den letzten Schritt, ein Lächeln geht im Saal gleich mit. Der Croupier nickt mit höflichem Gesicht, als kenne er das Ende nicht. Die Karten fallen, still und klar, als wär das Schicksal berechenbar. Du glaubst, das Spiel sei dein Revier, das Glück steht wieder neben dir. Ein Gewinn — und wieder mehr, der Traum wird groß, das Herz wird schwer. Dann nimmt die Nacht zurück, was sie geliehn, und lässt dich weiter an den Tischen ziehn. Du setzt die Vernunft auf eine Zahl, verlierst zuerst die freie Wahl. Dann folgen langsam Haus und Zeit, am Ende selbst die Wirklichkeit. Zu Hause fragt man still: „War es Glück?“ Du lächelst nur und blickst zurück. Die Wahrheit bleibt im Mantel stehn, den keiner hebt, um sie zu sehn. Der grüne Filz kennt keinen Stand, nicht Rang, nicht Geld, nicht Vaterland. Er fragt nicht nach dem großen Namen, er nimmt sie alle still zusammen. Noch brennt ein Licht im Fenster dort, als trüge es dein Schweigen fort. Sie warten still — vielleicht auf dich, ein leises Hoffen regt sich. Nicht jeder Weg endet im Licht — doch ohne Hoffnung geht er nicht. Alkohol – ein falscher Freund Für dich beginnt die Welt zu stinken, du greifst erneut zum Glas, zum Trinken. Zu schüchtern, um dich selbst zu zeigen, soll Whiskey deine Einsamkeit verschweigen. Du sagst, er tröste dich bei Nacht, doch hast du je daran gedacht? Er wärmt dich nur für kurze Zeit, zurück bleibt nichts – nur Bitterkeit. Du wirst zum Schatten deiner Kraft, dein Geist verliert, was früher schafft. Die Kreativität versiegt, weil Alkohol dein Denken biegt. Du sagst: „Ich weiß, das ist nicht gut“, doch fehlt dir oft der neue Mut. Der Wille, klar zu leben, schwindet, weil dich der Rausch in Ketten bindet. Es muss nicht Whiskey, muss nicht Wein – du kannst auch stark und nüchtern sein. Denn jeder Schluck, so süß, so sacht, hat schon so viele Seelen umgebracht. Drum hör auf, dich selbst zu belügen, lass dich vom Leben nicht betrügen. Greif nicht zur Flasche – greif nach Licht, denn wahres Glück gibt Alkohol dir nicht. Der Schatten im Glas Die Welt bekommt den bitteren Geschmack, du öffnest still das Buch der alten Schatten. Ein Pakt, der dich aus Einsamkeit entfacht, doch Träume lässt er stumm und kalt ermatten. Du bist nicht du, nur noch ein blasser Geist, verloren in den Nebeln deiner Tage. In deiner Hand das Gold, das dich zerreißt, ein falsches Ruder hin zu neuer Plage. Du weißt, die Flasche flüstert dir nur Leid, doch dein geschwächter Wille will nicht hören. Du jagst dem Feuer nach aus alter Zeit, mit jedem Schluck lässt du es weiter stören. Die Nacht spricht leise, doch sie meint nicht dich, sie lockt mit Freiheit, die dir nie gegeben. Die Sterne trüben sich im Glas heimtückisch, ein Spiegel bricht — ein Sturz ins tiefe Leben. Ein dunkler Chor tanzt schimmernd im Kristall, die Schatten locken dich durch enge Türen. Sie schließen lautlos, wie beim letzten Fall, als wollten sie dich ganz im Dunkel führen. Doch irgendwo im tiefsten Grund der Nacht glimmt noch ein Funke — klein, doch nie verloren. Er flüstert sanft: „Hab auf dich selbst noch Acht!“ Das Feuer ruht, doch ist nicht neu geboren. Drogen Schatten wirft Dein Leben zurück, Gesellschaft, bedeutet das Dein Glück. Nein, für Dich ist alles verlogen, darum greifst Du ständig zu Drogen, doch die Drogen sind genauso verlogen. Du sagst, es gibt keine Ehrlichkeit, es gibt nur Ungerechtigkeit. Ja es stimmt, aber trotzdem solltest Du nicht resignieren und die Lust am Leben verlieren. Finde wieder zu Dir zurück, vielleicht gibt es auch für Dich in unserer Gesellschaft Zufriedenheit und Glück. Mein Freund Mein Freund, Du bist berüchtigt, denn Du giltst als süchtig. Die Leute auf der Straße, sie starren Dich an und ich frage mich wie das alles nur so geschehen kann. Mein Freund, die Leute bezeichnen Dich als asozial, aber Dir ist ihre Meinung vollkommen egal, denn Du bist zu schwach um Dich zu wehren um auf einen bürgerlichen Weg zurückzukehren. Mein Freund, Dein Handeln ist Resignation, angebotene Hilfe verachtest Du als Hohn. So lebst Du, voll von allen möglichen Drogen, alleine, total von der Umwelt zurückgezogen Im Schatten der Nadel Dunkle Schwaden, ein stummes Heer, ziehen übers Herz so schwer. Ein Sturm im Innern, ohne Rast, der dich in kalten Fesseln fasst. Der Vater ruft – ein fernes Wort, doch deine Seele treibt schon fort. Die Tränen glänzen, fließen leis, wie Wasser, das im Finstern reißt. Dein Wesen verschwand im Nebelgrau, ein Spiegelbild – dir selbst nicht treu. Die Adern schwellen, flüstern stumm, erzählen Märchen, bitter und krumm. Valoron, Heroin – die mörderische Speis’, sie nährt dich täglich, kalt und leis. Und Zuneigung, die bei dir war, verglüht im Rauch – nicht mehr gewahr. Dein Selbstmitleid – ein schwarzer Chor, verlorene Zeit treibt dich empor. Kein Strahl, der deine Schatten bricht, kein Morgen schenkt dir neues Licht. Die Menschen wenden sich von dir, du stehst im Abseits, ohne Wir. Kein Paradies, kein mildes Grün, nur Steine, die im Abgrund blüh’n. Man nennt dich Schuld, ein Name, schwer von kalter Huld. Und wir, wir stehen machtlos da, seh’n deine Flamme schwinden – nah. Ein Atemzug, zu viel gedacht, ein Wort, das fast den Morgen macht. Doch Zweifel stirbt im gleichen Raum, zerfällt zu Staub – ein letzter Traum. Und wenn der letzte Vorhang fällt, das Dunkel dich in Armen hält, dann naht der Schuss, der golden glüht, der dich in Schlaf für immer wiegt. Bahnhofsviertel Siehst du den Mann vor der Spielothek steh’n, mit zitternden Händen, kaum fähig zu geh’n? Ein Becher voll Kaffee, der wärmt nur die Haut, sein Mantel ist müde, der Kälte vertraut. Die Schuhe erzählen von Jahren im Dreck, die Zeit ist verschwunden, der Tag bleibt ihm weg. Und du willst mir sagen, du seist schon am Ende, weil Arbeit dich drückt und der Alltag dich blende? Komm mit mir ein Stück von den Türmen zurück – ich zeig dir am Rand, wie zerbrechlich ist Glück. Siehst du die Frau an der Taunusallee, ihr Blick starr und fern wie ein eisiger See? Zu jung für die Härte, zu alt für ein Ziel, der Lippenstift hält, doch er lügt für ein falsches Spiel. Sie erwartet nicht Kunden, nicht Nähe, nicht Geld, nur die Wärme, die kurz sie im Schutzzelt erhält. Und du willst mir sagen, du wärst ganz allein, kein Mensch würde bleiben, kein Wort wäre dein? Komm mit mir dorthin, wo man Nähe verkauft – ich zeig dir, was es kostet, was Liebe hier taugt. Siehst du die Schatten am U-Bahn-Eingang, ihre Schritte ohne Richtung, ihr Atem so lang? Die Nadeln wie Uhren, sie ticken nicht mehr – kein Morgen, kein Gestern, nur bleich und leer. Zeit ist kein Maß mehr, kein Trost und kein Ziel, nur Stille im Rausch oder Zittern, kein Gefühl. Und du willst mir sagen, dein Leben steht still, weil nichts sich verändert, nichts werden will? Komm mit mir hinab unter Brücken aus Stein – ich zeig dir die angebliche Freiheit am Main. Ein paar Straßen weiter glänzt Glas und Beton, doch hier spiegelt nichts mehr, nicht Traum, nicht Lohn. Nur Gesichter, die niemand beim Namen mehr nennt und Wege, die keiner vom Sehen kennt. Wenn du also klagst über Tage aus Leere, über die Lasten, über die untragbare Schwere: Denk an die Straßen am Bahnhof bei Nacht – sie tragen das Gewicht und niemals die Pracht. Endstation Amsterdam Unheimlich romantisch hatte ich mir ihr Leben vorgestellt, ich versuchte es zu imitieren, doch es war für mich eine fremde Welt und ich begann meine intellektuelle Persönlichkeit zu verlieren. All die Scheinfreiheit durch die Drogen ist genauso wie der materialistische Kommerz verlogen. Amsterdam war für mich die Endstation meines freakhaften Treibens, heruntergekommene Junkies wollten mich damals zwingen in dieser Gesellschaftsschicht zu bleiben. Aber all die rücksichtslosen kapitalistischen Interessen, nur um den Eigenbedarf zu decken, all das dekadente Erscheinungsbild konnten in mir keine kreativen Impulse mehr wecken. Trotz Analysen meiner damaligen Touren hinterließ diese Zeit bei mir viele Spuren. Bis heute konnte ich mich nicht so recht in die bürgerliche Gesellschaft integrieren, denn als nachdenklicher Mensch mit gewissen Erfahrungen lässt man sich nicht so leicht manipulieren. Epilog Träumerisches Asyl Die Uhr in mir steht still und schweigt, hat sich der Zeit längst abgeneigt. Ich treibe haltlos, ohne Ziel, verloren in des Daseins Spiel. Ein Sturm hat mich hinausgetragen, ließ keine Antwort auf mein Fragen. Er warf mich weit ins weite Meer, wo Anfang endet – und nichts mehr. Die Wellen flüstern Ewigkeit, verschlingen Luft und auch die Zeit. Ich bin nur Staub in ihrem Raum, ein flüchtiger, vergess’ner Traum. Doch tief in mir ein Sehnen brennt, das keinen Ort und Namen kennt: Gib mir ein Licht, gib mir ein Land, reich mir im Dunkel deine Hand. Ein Paradies wird meine Wunden heilen, wo Angst und Schatten nicht mehr weilen. Ein stilles Reich, fern aller Pein – dort möchte ich geborgen sein. Asyl im Traum, im Herzen weit, jenseits von Sturm und Einsamkeit. Wo nichts mich trifft, mich nichts zerreißt, nur Frieden in meiner Seele kreist. |
Hallo Max,
dein Zyklus ist ein großes, ernst gemeintes Projekt, und man spürt in jedem Teil, dass dir das Thema nicht nur wichtig ist, sondern persönlich nahegeht. Diese Authentizität trägt viele der Texte — besonders dort, wo du Beobachtung und Atmosphäre miteinander verbindest. „Der grüne Tisch“ ist für mich der stärkste Abschnitt. Die Bilder sind klar, die Bewegung ist ruhig, und die Dramaturgie bleibt durchgehend stimmig. Hier gelingt dir eine poetische Verdichtung, die ohne moralischen Druck auskommt und gerade deshalb wirkt. In anderen Teilen des Zyklus schlägt der Ton stärker ins Appellative um. Besonders bei „Alkohol – ein falscher Freund“ und „Drogen“ entsteht ein eher pädagogischer Klang, der zwar ehrlich ist, aber die lyrische Kraft etwas zurücknimmt. Die direkte Ansprache und die Imperative machen die Texte verständlich, aber sie wirken weniger poetisch als erzählerisch oder mahnend. „Der Schatten im Glas“ und „Im Schatten der Nadel“ arbeiten mit vielen starken Bildern, manchmal vielleicht etwas zu vielen. Die Metaphern überlagern sich stellenweise, sodass die innere Bewegung des Textes etwas an Klarheit verliert. Dennoch spürt man hier deutlich den Versuch, die innere Zerrissenheit sprachlich zu fassen — und das gelingt dir in einzelnen Passagen sehr eindrucksvoll. „Mein Freund“ fügt dem Zyklus eine persönliche, beinahe dokumentarische Note hinzu. Der Text ist sprachlich schlicht gehalten, aber gerade diese Schlichtheit macht ihn unmittelbar. Die direkte Beobachtung, die Nähe zur Figur und die nüchterne Beschreibung des sozialen Abstiegs geben dem Zyklus eine menschliche, nicht nur abstrakte Dimension. Auch wenn der Text weniger lyrisch ist als andere Teile, trägt er thematisch viel bei. „Bahnhofsviertel“ ist stilistisch ein Bruch, aber ein gelungener. Die Nähe zur Reportage verleiht dem Text eine eigene Kraft. Die Szenen sind gut beobachtet, und die Perspektive bleibt respektvoll. Auch wenn es weniger ein Gedicht im klassischen Sinn ist, fügt es dem Zyklus eine wichtige Ebene hinzu. „Endstation Amsterdam“ wirkt sehr persönlich und roh, fast wie ein Tagebucheintrag. Das hat seinen eigenen Wert, auch wenn die sprachliche Form hier weniger ausgearbeitet ist als in den anderen Teilen. Der Epilog bringt den Zyklus wieder in eine ruhigere, suchende Stimmung zurück. Die Bilder sind vertraut und teilweise konventionell, aber sie schließen den Bogen, den du über die neun Teile gespannt hast. Insgesamt ist dein Zyklus ein ehrlicher, vielschichtiger Versuch, ein schwieriges Thema aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten. Manche Texte sind stärker verdichtet, andere direkter oder appellativer — aber gerade diese Mischung zeigt, wie unterschiedlich die Facetten des Themas für dich sind. Liebe Grüße Falderwald |
Zyklus: Im Schatten der Sucht
Hallo Falderwald,
danke für diese ausführliche, differenzierte und ehrliche Besprechung meines Zyklus. Es freut mich sehr, dass du dir so viel Zeit genommen hast, die einzelnen Teile intensiv zu lesen und ihre unterschiedlichen Facetten herauszuarbeiten. Deine Unterscheidung zwischen den stark verdichteten, poetischen Abschnitten – wie „Der grüne Tisch“ – und den eher appellativen oder reportageartigen Teilen trifft es sehr gut. Der Zyklus bewegt sich bewusst in diesem Spannungsfeld zwischen Lyrik, Schilderung und persönlicher Betroffenheit. Dass der dokumentarische Ton in Teilen wie „Mein Freund“ oder „Bahnhofsviertel“ für dich als menschliche Ebene funktioniert, ist eine schöne Rückmeldung. Auch deinen Hinweis zu den sich überlagernden Metaphern und den mahnenden Tönen nehme ich gerne mit. Das hilft mir sehr beim geschärften Blick auf die feine Grenze zwischen poetischer Resonanz und direkter Botschaft. Danke für das wertvolle und konstruktive Feedback! Liebe Grüße Max |
Zyklus: Im Schatten der Sucht
Hallo Falderwald,
ich möchte dir noch eine Ergänzung zu meiner ersten Rückmeldung nachreichen, da mir dein ausführliches Feedback weiterhin durch den Kopf geht. Bevor ich diesen Zyklus veröffentlicht habe, war es mir wichtig, das Projekt auf ein solides Fundament zu stellen. Ich kenne bzw. kannte selbst Menschen aus dem Umfeld von stoffgebundenen wie auch stoffungebundenen Süchten. Um dem Thema gerecht zu werden, habe ich den gesamten Zyklus vorab mit vier renommierten Suchtberatern abgestimmt – darunter auch Burkhart Thom. Das sind Experten, die seit Jahrzehnten Ansprechpartner vor Ort sind, Bücher geschrieben haben, Podcasts betreiben sowie Vorträge in Gefängnissen, Schulen usw. halten. Ihre einhellige Rückmeldung war, den Zyklus genau in dieser Vielschichtigkeit und Form zu veröffentlichen. Mein primäres Ziel mit diesem Werk ist es nicht zwingend, „perfekte“ Literatur im klassischen Sinne zu erschaffen. Soweit mir bekannt ist, gibt es einen derart umfassenden Gesamtzyklus zu diesem Thema weder in der Literatur noch in der Musik. Es ging mir vor allem darum, nah an der Realität zu bleiben, aufzuklären und Menschen zum Nachdenken anzuregen. Dass dabei manche Teile eher dokumentarisch, mahnend oder wie eine Reportage wirken, ist dieser Zielsetzung geschuldet – umso schöner ist es zu sehen, wie differenziert du diese Nuancen wahrgenommen hast. Nochmals vielen Dank für den gewinnbringenden Austausch! Liebe Grüße Max |
| Alle Zeitangaben in WEZ +2. Es ist jetzt 22:07 Uhr. |
Powered by vBulletin® (Deutsch)
Copyright ©2000 - 2026, Jelsoft Enterprises Ltd.
http://www.gedichte-eiland.de
Falderwald